Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Dezember 1914 (Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a)


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Charlottenburg 4, Pestalozzi-Str. 9a.
Den 23. Dezember 1914.
Liebe Freundin!
Einen Weihnachtsgruß, der Sie zum Heiligen Abend erreichen soll, möchte ich Ihnen und der Tante senden. Wenn ich sonst von Weihnachten nicht rede, so verstehen wir uns wohl auch darin; es wäre mir zu schmerzlich.
Herzlichen Dank für die schönen Geschenke, die Sie mir mitgaben, über alle Verabredungen hinaus! Ich schicke Ihnen als kleines sichtbares Zeichen ein Buch, das ich selbst in seinen Einzelheiten nicht kenne. Ich weiß nur dies, daß Caroline und Dorothea (mit Caroline Wolzogen zusammen) die drei bedeutendsten Frauen ihrer Zeit waren, und
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| daß in ihren Briefen vieles steht, wovon Sie mir vielleicht erzählen. "Die bedeutendsten Frauen", jedoch nach meinem Gefühl mit einem zu starken intellektuellen Übergewicht, als daß das Wunderbare der Frau, die Sicherheit ihres Gefühls, der starke und doch weiche Nachhall in ihrem Erleben, kurz die durchaus geschlossene innere Welt ganz rein zur Erscheinung kämen.Alle intellektuellen Einzelheiten sind immer unzulänglich; das uns bis zum Nichtaussprechenkönnen Überlegene aber ist das Heiligtum der inneren Ganzheit, die sich auch unter Schicksalsstürmen bewahren kann, an denen der Mensch [über der Zeile] Mann zugrunde geht.
Frau Hofmann, die am Montag bei mir war und die ihrem Gatten dies bedeutet, sagte mir, sie habe an wenigen Seiten eines Kapitels im Humboldt gesehen, daß ich einen Sinn habe für diese Welt, daß ich weiß, was
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| Liebe und Ehe sind. Den andern Teil des Gedankens, wo ich das nämlich erlebt habe, ergänze Dir selbst. Und so bitte ich, daß Du mir dies bleibst.
Ich scheue mich ängstlich, irgendwie zu tadeln oder zu widersprechen. Selbst darüber will ich hinweggehen, daß ich die richtige Division von Nieschling im Kopf hatte, Ihre Theorie grundfalsch war, und die Karte nicht ankommen wird. Aber das ist unwesentlich. - Früher hätte ich vielleicht gedacht: Jemand, der selbst Maler ist, muß doch einen Sinn haben für das, was eine "Skizze" andeutet. Es wäre doch unehrlich und unfrei, wenn ich Dir nicht sagte, daß mich das einzige und erste Urteil über meinen Vortrag, ein fremdes, noch dazu von Walther entlehntes, mich eben deshalb "befremdet" hat. Hast Du nicht gefühlt, daß in diesen äußerst gepreßten Worten eine große Perspektive liegt, die niemand sonst in diesen frühen Entwicklungsstadien der Dinge geäußert hat, und daß eben ein solches
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| Selbstständiges und Neues Unterstützung, Pflege braucht, wenn es ans Leben soll? Früher half mir Dein Wort, den Mut zum Drucken zu finden; jetzt bleibt es liegen, eigentlich von Walther gemordet, für dessen Auge es ja garnicht einmal bestimmt war. - Darin liegt keine Anklage, mein liebes Kind. Ich kenne Dich tief. Aber wenn ich Derartiges nicht mehr sagen darf, dann kann ich auch auf die Selbstsicherheit Deines Wesens nicht mehr wirken, und daß die jetzt der Stütze bedarf, ist gewiß nicht zu verwundern. Ich betrachte solche Auseinandersetzungen zwischen uns nicht als feindliche Handlungen, sondern als notwendige Schritte zu der Klarheit, nach der wir doch ringen, und die eben erkämpft werden muß, auch um den Preis einiger bitterer Stunden.
Nun liegt die Sache aber auch sonst nicht so fahrlässig, wie Du meinst. Das Monitum wegen des "Perpetuum mobile" ist eigentlich einem Fachphilosophen u. Ordinarius gegenüber, der doch elementare Logik prüfen soll, etwas stark.
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| Wenn ich solche elementaren Sachen verfehlte, dann wäre ich mehr als abkömmlich. Tröste Dich damit, daß ein Professor der Physik hier dieselben Bedenken hatte. Aber richtig bleibt deshalb, und gegen Euch drei, doch, was ich sagte. Hier also zur Strafe eine kleine Lektion. Man unterscheidet realisierbar, vorstellbar, denkbar, ideierbar.
1) Was realisierbar ist, hängt von den erkannten oder nicht erkannten Gesetzen und Kräften der Wirklichkeit ab. P.m. ist nicht realisierbar.
2) Vorstellbar ist vieles, was nicht realisierbar ist. Ich kann mir vorstellen, daß Wasser bergan fließt (rein als optisches Bild.), und ein logischer, d. h. begrifflicher Widerspruch liegt darin nicht.
3) Denkbar ist alles, was keinen logischen Widerspruch einschließt. Z. B. der 4dimensionale Raum. Vorstellbar ist er nicht (trotz Helmholtz' entgegengesetzter Behauptung.) Denkbar ist das P.m. denn ein geschlossenes System von Kräften, das in sich beständige aktuelle Energie enthält, widerspricht dem Begriff
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| der Kraft nicht, wohl aber den Bedingungen, unter denen wir Kräfte in der realen Erfahrung allein kennen lernen. - Vorstellbar wär ein P.m., wenn unser Vorstellen zeitlich unbegrenzt wäre; so aber ist es nur in der Vorstellung andeutbar, intendierbar, d. h. denkbar.
4) Ideierbar ist nach neuerer Logik auch daß, was logisch einen Widerspruch in sich schließt. Also der viereckige Kreis. Denkbar ist das nicht, weil hier das Prädikat dem festen Sinn des Begriffs widerspricht.
Aber genug von diesen terminolog. Quisquilien. Was denkbar war, ist auch noch denkbar. Ich kann mir den 4dimensionalen Raum denken, heut u. ewig, auch wenn die Erfahrung Helmholtz' Ansicht widerlegt hat, daß derartiges in die Realität hineinwirken könne. - Natürlich liegen darin noch viele Schwierigkeiten. Halten Sie sich also an das Einfache: denkbar ist, was keinen begrifflichen Widerspruch in sich trägt. Es kann in der idealen
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| Sphäre existieren, nicht immer in der realen. Ein Mensch, der ewig lebt und nie krank ist, ist denkbar. Denn Sterblichsein und Kranksein gehört nicht zu den konstituierenden Merkmalen des Begriffs Mensch.
Gestern abend bin ich hier angekommen. Die erste Schwierigkeit bestand darin, daß über den Schlafraurm für mich ein Dissens entstand. Ich schlafe nun im Eßzimmer, da Paula behauptet, sie würde in der Kammer beim Einatmen der kalten Luft "sterben" (Eben sind draußen 1°Wärme.)
Die Militärangelegenheit hätte ich meinem Vater vielleicht ganz verschweigen sollen. Es hat ihn furchtbar aufgerergt. - Die Ansichten darüber sind völlig verschieden. Ein Kollege ord. aus Jena (Koebe) Landsturm 1882, meinte, es wäre widersinnig, die ausgelesenen geistigen Kräfte an dieser Stelle zu verschwenden. Die Studenten sollen sich nach m. Famulus ähnlich geäußert haben, einer auch direkt zu mir. Die
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| älteren Kollegen aber (z. B. Wundt) reden von m. Einziehung als etwas Selbstverständlichem. Ich gedenke etwa so zu schreiben (will aber heut Abend noch mit Riehls beraten!) Dem hohen M. gestatte ich mir mitzuteilen, daß ich am 11. Dezember als unausgebildeter Landsturmangehöriger zur Infanterie A ausgehoben bin. Da über die Zeit der Einziehung auch garnichts bekannt ist, gestatte ich mir, dem h. M. die Bitte auszusprechen, dahin bei mirBitte in Original prüfen. „mir“ ist auf der Kopie nicht zu erkennen. wirken zu wollen, daß mir die Vollendung des gegenwärtigen Semesters ermöglicht wird. Vielleicht darf ich hinzufügen, daß ich auch diese Bitte nicht vorbringen würde, wenn ich auf Grund meiner physischen Kräfteverhältnisse die Überzeugung hätte, den Anforderungen des Infanteriedienstes in einer Weise gewachsen zu sein, die mir gestattete, dem Vaterland auf diesem Gebiet wirkliche Dienste [über der zeile] zu leisten zu können.
Zu den Briefen von Kurt komme ich erst heut. Ich schicke sie dann weiter.
Ihnen allen - gewiß sind Sie zu dreien - wünsche ich ein gesundes Weihnachtsfest, da man sich mehr diesmal nicht wünschen kann. Mein Vater <li. Rand> läßt auch herzlich grüßen. In treuer Liebe stets Dein Eduard.