Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 23. März 1914 (Cassel)


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Cassel. 23.III.14.
Mein lieber Freund.
Nun bin ich also seit vorgestern "in den Ferien". Zunächst habe ich einmal sehr gründlich geschlafen, denn ich hatte etwas nachzuholen u. nun nach einer Serie von Geburtstagsgratulationen komme ich endlich zu einem stillen Plauderstündchen mit Ihnen. Wie sehr freue ich mich auf den 6. April! D. h. Wenn Sie nicht dringend nach Leipzig müssen. Ich wäre so froh, um jeden Tag länger, denn ohnehin gehen ja immer 2 Tage für die Hin- u. 2 für die Rückfahrt drauf, sodaß der ruhige Aufenthalt kurz genug ist. Ich habe mich hier nun mit dem Plan u. dem Kursbuch beschäftigt; wenn ich 11 Uhr 28 hier abfahre, kann ich 2 Minuten vor Ihnen in Würzburg eintreffen. Wann - wann wird das sein? Daß wir ordentlich warme Sachen mitnehmen müssen ist sicher. Denn wir sind diesmal noch viel mehr im Winter als voriges Jahr. Ihr Vorschlag mit den 3 Zimmern u. dem einem geheizten ist sehr fein. Es würde mich nur freuen, wenn dies Wohnzimmer das an der Ecke mit dem hübschen Blick sein könnte. Aber ich weiß nicht, ob da auch ein Ofen zu stellen wäre? Schlafen -
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| könnte ich gut auch in dem vom Sommer u. Sie in dem, das früher das Ihre auch war u. das Sie als Wohnzimmer vorschlagen. Ich fürchte, das nach hinten ist nicht gesund. - Jedenfalls werden wir ja in der Ferienzeit dort mehr Besuch zu erwarten haben, als vorm Jahr; aber all die Bedenken machen mich garnicht bedenklich. Ich nöchte nur, daß sie uns vorher klar werden u. uns nicht dann enttäuschen. Denn als Sie die Wahl vorschlugen zwischen Ostsee, Harz, Wiesbaden u. - Reichenau, da klang es gleich in mir nach: Reichenau. Aber ich hielt es natürlich nicht für vernünftig, schon weil es für Sie die weite Reise mit sich bringt. Und von der Idee Lugano oder Locarno oder dergl. war ich ebenfalls wegen der Kürze der Zeit abgekommen, da man ja nicht einmal dort der Wärme sicher ist. - Als also Ihr Brief von meinem event. Kommen nach Berlin schrieb, malte ich mir das mit allen Möglichkeiten sehr verlockend aus. Aber Ihre Entscheidung für die Reichenau traf so sehr meine heimlichen Wünsche, daß ich den ganzen Tag ganz selig umherging.
Eigentlich war ja gerade kein Zeitpunkt für solche Freudenstimmung, denn das Befinden von Großmutter Knaps ist doch ziemlich bedenklich. Aber ich hoffe immer, sie hat einen so starken Lebenswillen, daß sie sich bald wieder herausmustert.
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| - Durch meine große Saumseligkeit im Schreiben habe ich nun schon so lange keine Nachricht mehr von Ihnen. Es ist aber auch wie ein heimliches Hindernis beim Schreiben, daß ich immer die Verpflichtung fühle, mich auf Ihren Wunsch über die "Lebensformen" zu äußern. Es will sich mir aber nicht so recht zu einem klaren Ausdruck gestalten u. ich sehne mich deshalb nach der Aussprache, nicht nach dem Schreiben. Daß ich darin mit Frau Riehl wetteifern oder etwas finden könnte, was Ihre Arbeit korrigierte, glauben Sie ja selbst nicht. - Hier fand ich die Tante bis auf etwas Husten leidlich wohl. Es war ihr aber nicht gut, daß sie so lange allein war. Oder ob es noch körperliche Angegriffenheit ist, jedenfalls fand ich sie recht gedrückter Stimmung. Es scheint mir aber doch, als wenn sie heut etwas besser wäre. Oder ob ich mich nur gewöhne?
Walter wird am 28. abreisen. Er hat eine Stellung angenommen auf einem Gute im Posenschen. Es ist eine sonderbare Sache, aber vielleicht gefällt er sich dabei. Die Juristen sollen auf diese Weise mit dem "Leben" in Berührung gebracht werden.
Meine Arbeit im Laboratorium habe ich ordentlich mit Bedauern verlassen. Nun - sie läuft ja nicht davon.
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Es kommt mir vor, als wäre ich schon ganz lange hier. Aber die 2 Wochen werden schnell genug hingehen. Und dann: auf Wiedersehen!
Lassen Sie mal wieder von sich hören. Ich warte recht darauf. Es war mir die letzten Tage etwas marode. Aber jetzt erhole ich mich schon mächtig.
Viele Grüße an Ihren Vater, u. wer mich von Freunden kennt. –
Ungeduldig, aber erfüllt von der frohen Aussicht auf unsre Insel – je eher, je lieber –
Deine
Käthe.

Tantchen läßt vielmals grüßen.