Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 30. März 1914 (Cassel)


[1]
|
Cassel. 30. April. 1914.
Mein lieber Freund.
Sind Sie mir böse, daß die Antwort auf Ihren Auftrag gänzlich ausgeblieben ist? Ich hoffe nicht, denn Sie wissen ja, daß ich mit meinen Gedanken immer "geholfen" habe, u. daß ich darauf brenne, mit Ihnen davon reden zu können. Aber schriftliche Urteile abzugeben, dazu bin ich zu schwerfällig u. das Gefühl dieser Verpflichtung hat mich die ganze Zeit förmlich bedrückt. Ich habe keinen so schönen Aktenschrank, in dessen Fächern ich die fein nummerierten Typen sortieren könnte. Ich habe da eine geniale Unordnung. - Aber ich freue mich unendlich auf all das, was Sie mir berichten werden u. lebe ganz von der Freude auf diese Zeit. Hoffentlich wird es ja ohne Störung dazu kommen. Die Nachrichten von Großmutter Knaps lauten leidlich. Aber bedenklich sind nun einmal solche Herzzufälle u. jeder kann plötzlich der letzte sein. Ebenso kann es aber auch nach Jahr u. Tag wieder besser werden.
Den Zeitpunkt der Reise müssen Sie ganz nach dem richten, was Sie vorhaben. Mir ist es einerlei u. ich hatte in Heidelberg den 20. April für die Rückkunft angegeben. Die Ankunft auf der Reichenau zu Fuß hielte ich wegen des Gepäcks nicht für
[2]
| günstig. Wir müßten ja dann doch wieder nach Constanz, um die Koffer zu holen.
Ob Sie die Sitzung im Stich lassen können, müssen Sie ja sehen. Schöner wäre es, aber ich will da weiter nicht zureden.
Gestern, über Ihre liebe Karte habe ich mich sehr gefreut. Da konnte ich doch den ganzen Tag mit doppeltem Wohlgefühl den strahlenden Sonnenschein genießen, da ich wußte, daß er Ihnen zu einem fröhlichen Tage leuchtet. Und abends die feine Mondsichel war so schön!
Wenn Sie über Leipzig fahren sollten, so sehen Sie sich den Aktenschrank doch noch mal genau auf die Farbe hin an; wegen der Beize.
Tante geht es ziemlich gut. Wir haben aber eine recht prosaische Zeit mit Näherei u. drgl. gehabt, u. ich hoffe sehr, nun diese letzte Woche noch etwas freier u. ungestörter das Zusammensein genießen zu können.
Grüßen Sie ihren lieben Vater. Auch Tante trägt mir viele Grüße auf.
Ich sehne mich nach Natur, Freiheit u. Sonne. Wo werden die "Lebensformen" gedruckt?
Wie immer - nur müde!
Käthe.

[li. Rand] Es ist das Porto nicht wert.