Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 25. Juni 1914 (Heidelberg)


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Heidelberg. 25. Juni 1914.
Mein geliebter Freund.
Volle, reiche Sommertage hat das Leben jetzt für Dich u. Du lebst sie in froher Kraft. Immer tiefer u. sicherer erfüllt von dem Bewußtsein der Herrschaft über das Leben gehst Du Deinen Weg, getragen von dem Königsgedanken menschlicher Würde u. Größe. Wohl ist es schön, was das Dasein Dir an Erfolgen u. Ehren giebt, viel, viel mehr aber ist mir, was Du giebst mit Deinem herrlichen, gotterfüllten Sein, Deiner begeisterten, bezwingenden Seele. Das ist Dein Wirken, das in jeder, auch der kleinsten Lebensbeziehung zum Ausdruck kommt u. was Dich glücklich macht u. stark u. sicher.
Ich aber kenne Dich, wie Dich niemand sonst kennt u. darum scheint mir all der äußere Erfolg so selbstverständlich, wie der schuldige Tribut des Lebens. Ja - ich bin sehr stolz auf Dich!
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Daß Sie den 27. in Berlin feiern werden, ist sehr schön. Wie wird sich der Vater freuen, wenn Sie schon wieder kommen. Hoffentlich geht es ihm gut. Ich bin mit ganzem Herzen dabei, u. ich hoffe, mein Packet kommt noch rechtzeitig nach Leipzig, um Sie dort morgens zu begrüßen.
Mit den Reichenauer Bildern hatten Sie natürlich wieder recht. Die Verzierungen sind recht mäßig ausgefallen. Ich hatte so garkeine Zeit u. Ruhe u. mußte es gestern in ein paar Stunden eilig draufklexen. Das andre sind wie immer: Nützlichkeiten. Die Knöpfe fehlten doch oft. Ich mußte mich ja sogar schon über eine rote Koralle entsetzen. Also jetzt, bitte, tragen Sie immer diese, so wie ich nicht mehr sein kann ohne das goldene Kettchen. Es paßt doch zu meinem Goldenen nur etwas Echtes! Die Mappe hält hoffentlich mehr aus, als die vorige. Und sonst das übliche Eßbare, abgelegte Bleistifte, einige Lappen, die ich der Tante abgejagt habe, da bei mir noch keine wieder abgelegt sind.
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| Garnichts so recht Schönes, wie ich es möchte - aber alles in Liebe.
Gestern ist Tante Fanny mit Walther hier durchgefahren. Wir waren an der Bahn, ich sah nur Walther. Tante Thes fuhr bis Darmstadt mit u. war auch einen Augenblick bei Tante Fanny, die garnicht sprach, aber lieb u. freundlich war. Sie macht einen sehr kranken Eindruck. Wie schwer ist das auch für Tantchen, die so viel an dem treuen, nachbarlichen Verkehr hatte.
Mir ist, als hätte ich sehr lange nichts von Dir gehört. So ist der Mensch! Jeden Tag einen Brief, eine Drucksache u. lateinische Anzüglichkeiten, die ich nicht verstehe, u. Druckkorrektur,der ich sehr wohl verstehe, u. für alles vielen Dank u. über alles Freude u. dann doch nicht genug! - Da ist die Affäre mit Berlin . Wann kann da eine weitere Nachricht kommen? Dann die Ausflüge Sonnabend u. Sonntag. - Hier hatten wir Sonntag ein starkes Unwetter. Tantchen war mit mir auf der Molkenkur, wo wir im Freien zu Mittag aßen u. unter dem
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| Zeltdach gut geschützt das Gewitter herrlich beobachten konnten, wie die Wolkenmassen aus der Rheinebene u. dem Neckartal sich entgegenzogen u. wie es dann wolkenbruchartig herabstürzte, große Blitze fast senkrecht mitreißend. Es geht uns beiden gut, soweit es bei Tante’s allgemeiner Angegriffenheit möglich ist. Wir leben sehr behaglich, nur bin ich etwas zu viel beschäftigt. Im Haushalt ists natürlich auch umständlicher, als sonst, aber da nimmt mir Tante viel ab, sodaß sich das wieder ausgleicht. Aber Stimmung u. Einvernehmen sind vorzüglich u. das ist doch die Hauptsache.
Tante's Entrüstungskarte wird Sie amüsiert haben. Sie will Ihnen selbst gratulieren. Von mir grüßen Sie Ihren Vater u. Herrn Senewaldt herzlich, auch die Paula.
Im Sinne unsrer Insel
Deine
Käthe.