Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Käthe Hadlich an Eduard Spranger, 15. Dezember 1914 (Cassel)


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Cassel. 15. Dez. 1914.
Mein lieber Freund.
Es hat Sie hoffentlich nicht weiter beunruhigt, daß ich mit dem Telegramm nicht zufrieden gewesen wäre. Denn davon kann doch natürlich keine Rede sein. Ich sehe die Zwecklosigkeit vollständig ein u. was ich wollte war selbstverständlich nur der Wunsch nach einer beruhigenden Aussprache. - Zunächst erkenne ich jetzt einmal zu meinem Trost, daß diese Aushebung das ist, was ich damals im August schon befürchtete u. was sich also für Leipzig um reichlich 1/4 Jahr später einstellt, als hier für Cassel. Und Aushebung ist noch nicht das letzte Wort - ich will also noch die Hoffnung auf eine günstigere Lösung nicht aufgeben. –
Das ist vielleicht mein ganz stiller Privattrost. Und so will ich ihn auch still für mich behalten. Denn das weiß ich wohl, wir wollen u. müssen gewappnet sein für alles, u. so fühlte auch ich gleich die Notwendigkeit, den Tag, der noch unbestritten frei ist, doppelt zu nutzen. Deshalb sind für mich auch ganz gewiß keine persönlichen
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| Wünsche irgend maßgebend u. ich bitte Sie, über ein eventuelles Zusammentreffen nur von jener inneren Zweckmäßigkeit aus zu entscheiden, für die Sie immer ein so reines Gefühl haben. Sollte es erwünscht sein, daß ich komme - gut. Wäre es Ihnen lieb, hierher zu kommen - umso besser. Ich scheue aber für Sie die lange Fahrt! Es ist zu weit.
Wollen Sie überhaupt unsre Pläne beim alten lassen u. möglichst bald nach Weihnachten herkommen, so warte ich geduldig. Wäre es erwünschte, daß ich - etwa am 26. - nach Berlin käme u. wir dann zusammen hierher, so würde sich auch das einrichten lassen.
Auf alle Fälle habe ich den dringenden Wunsch, daß wir Gelegenheit zu ungestörtem, ergiebigem Aussprechen haben, wie es wohl am meisten hier möglich ist. - Aber auch schreiben will ich gern, so viel ich kann. Heute bin ich ganz dösig von einem exemplarischen Schnupfen. Es ist also recht gut, daß es nicht zur Reise kam. Ob er wohl von Leipzig gekommen ist?
Über das, was Sie damals von der Kunst u. dem Kunstwerk schrieben, habe ich viel u. immer wieder nachgedacht. Aber doch lediglich in bestätigen
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|dem Sinne. Ich empfinde in dem Verhältnis von Kunst u. Wissenschaft denselben Unterschied wie zwischen organischer u. anorganischer Natur. Kunst ist ein Lebensvorgang, Wissenschaft ein mechanischer. So verstehe ich auch Ihr Wort: "Form ist spezifisches Erlebnis u. nur in ihr selbst zu fassen." - Aber wie mir "Ausdruck" nicht lediglich das Subjektive im Kunstwerk ist, so ist mir die Geschlossenheit u. Gleichgewichtslage darin auch nicht nur Abbild u. Übertragung vom Subjekt, sondern eben das Prinzip des Lebendigen überhaupt, ohne das es kein selbständiges Leben giebt! Indem "das Leben des Subjekts zusammenschmilzt mit dem Leben des Objekts" entsteht ein Neues, das nun eine abgesonderte Eigenexistenz hat. – – – Aber da ist gar nichts, was Sie nicht schon - u. besser gesagt hätten. Überall die flutende Bewegung, Verschmelzung zwischen dem Einzelnen u. dem Allgemeinen.
Walter kam zum Abendbrot, u. nun sind gerade nur noch ein paar Minuten, um den Brief fertig zu machen, den ich gern heute noch fortschicken will. – Von Onkel Hermann hörte ich, daß Sie ihm drei Themata zur Auswahl gaben,
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| u. daß er das dritte wählte. – Von Kurt nichts seit dem 3. Dez. Sobald die 10 großen Bogen abgeschrieben sind, schicke ich sie Ihnen. Es ist aber diesmal nicht so sehr viel Eingehendes. Von den eigentlichen Vorgängen darf er ja nichts schreiben. – Hermann ist noch in Stettin. – Und Georg Weise geht es noch recht schlecht. Fieber wieder 38,8. Soweit ich das beurteilen kann, ist es wohl sehr viel; da er ja nur noch so wenig Blut hat, was den Kampf mit den Bazillen führen kann. Wenn er nur durchkommt. – – Ich bin in Gedanken nicht hier. Aber ich bin so fleißig als möglich, um mir ein Recht für die innere Abwesenheit zu erwerben. Meine Cousine in Hofgeismar wünschte 50 Pappetuis mit Tannengrün bemalt zu haben für Verwundete. Da geht es wie im Tagelohn. –
Hoffentlich ist Ihr Katarrh nun wieder vorbei u. hat die intensive Arbeit die Gedanken so in Anspruch genommen, daß die Erregung davon überwunden wurde. Ich warte nicht auf ausführliche Nachricht, aber ich sehne mich, öfters eine Karte zu bekommen. Wollen Sie mir das zu Liebe tun? – Ich verfolge in Gedanken den Tageslauf u. vergleiche damit meine geringen Leistungen. Sollte man nicht das Recht haben auf eine Ausnahme, wenn man Ausnahmsweises leistet?? –
<li. Rand> Aber darüber müßten wir lange reden können. – Und heute muß <li. Rand S. 3> ich aufhören zu schreiben, denn die Lampe geht aus. – Nur "die Liebe hört nimmer auf"! Deine Käthe.