Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Januar 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 16. Januar 1915.
Liebe Freundin!
Gestern kam Ihr lieber langer Brief. Es war Öl auf die Wogen meiner Erregung. Denn eigentlich hatte ich Ihren schon geschrieben; aber das Blatt ist liegen geblieben, und es war wohl gut so.
Ich will nicht lang darauf zurückkommen. Es ist einmal mein Unglück, daß ich mich jetzt mit den Menschen so schwer zurechtfinde. Ihr Lob des schnell hingeferkelten Aufsatzes hat mir weh getan, weil ich gleichzeitig fühlte, daß Sie unter der Herrschaft des ungünstigen Urteils in Ihrem Kreise über meinen Casseler Vortrag stehen. Bei Ihnen sollte es eigentlich nicht vorkommen, daß Sie
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| nicht unterscheiden können, wie tief die Rede aus meinem lebendigen Herzen hervorgeholt war, und daß das andre bestellte Ware ist. Ich habe Ihnen darüber sehr scharfe Worte gesagt, gut daß Sie sie nicht lesen. Hier ist die Quintessenz in 2 Worten: "Der Onkel ist kein Maß für mich, sondern ich bin ein Maß für den Onkel". Auf dem Gebiete der Medizin mag's anders sein.
Sehr langsam habe ich mich etwas erholt; denn der immer neue Zusammenstoß mit den Menschen schädigt meine Gesundheit erfahrungsgemäß tiefer als alles andre. In den letzten 3 Tagen habe ich sogar meine bedeutendsten akademischen Leistungen in diesem Semester erreicht. Aber 5 Sitzungen (meistens für die Frauenhochschule) waren schon wieder, und außerdem habe ich ungeheuer zu tun mit
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| einem neuen Gebiet der Tätigkeit - mit Seelenpflege. Denn alles mögliche kommt zu mir oder schreibt an mich.
Die Sämannsache hat natürlich der großen Masse ungemein gefallen:
"Ist's populär, gefällt's Euch sehr.
Ist's etwas feiner, versteht es keiner.
Ist's gar gedacht, so wird's verlacht."
War aber immer so, sollte nur bei den mir Nächststehenden anders sein. - Chemnitzer u. Stettiner Zeitungen haben Teile abgedruckt, diese sind bis in die Schützengräben Angerburg geflogen (Ernst Heinrichs - Stettin), und ein Teil der Korrespondenz liegt bei.
Das "Papier" habe ich in einem Augenblick besondrer physischer Erschöpfung abgeschickt. Die Wirkung ist natürlich zweifelhaft.
Am Sonntag, d. h. morgen, kommt der Registrator, der auch meinen Rat braucht.
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| Der Paulsensche Prozeß ist definitiv verloren!
In der Analyse des Rechtsgedankens bin ich (trotz dieser Rechtsverdrehung) gestern ungefähr um so viel weiter gekommen, wie die Deutschen bei Soissons. Abends gab ich es gleich im Seminar zum Besten und knüpfte daran Teile aus dem Casseler Vortrag, die um so tiefer wirkten, als eben 2 Todesnachrichten eingetroffen waren (gefallen am 21. Oktober, Leichen gefunden jetzt!)
Mein Famulus vom Sommer, Feurig, trat vergnügt via Lodz - Posen - Dresden wieder an. Herzleiden gelegentlich bewirkt, entlassen.
Ich brauche jemanden, der mir meine Briefe vom vorigen Jahr ordnet, gegen Vergütung der Reisespesen und freie Kost. Können Sie mir jemanden empfehlen? Es müßte vor oder nach dem 6.II. sein, wo ich nach Berlin plane.
Dieser Brief ist auch so'ne Antwort auf den schlechten Taktteil, wie ich sie mal bekommen habe. Ist aber sonst ganz lieb und freundlich, aus dem Gefühl befriedigter Entladung. Wenn Sie ihn Sonntag bekommen <li. Rand> sollen, muß er schleunigst fort. Daher lesen Sie auch zwischen den Zeilen.
In treuer Liebe
<Kopf>
Dein Eduard.