Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Januar 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 24. Januar 1915.
Liebe Freundin!
Sie kommen leider noch einmal auf den Fall Cassel zurück. Ich kann nicht verschweigen, daß er mich tief und nachhaltig kränkt, wie er auch dargestellt werde. Der Vortrag ist zwar von mir unter sehr schweren persönlichen Hemmungen gehalten worden, er war aber durchaus von derselben Art und dem gleichen Niveau, wie die, denen ich mindestens hier meinen Ruf als Redner (natürlich nicht als Volksredner) verdanke. Wenn er einen Mangel hatte, so war es der, daß er zu stark ins Religiöse (statt ins Begriffliche) ausklang. Wenn Sie da von jemandem hören "theoretisch und kühl", so ist das doch offenbare Idiotie
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| Wer erzählt die Worte eines offenbar Urteilsunfähigen weiter? Das Auditorium bot mir übrigens ein durchaus andres Bild der Teilnahme u. nach m. Erfahrungen von den Gesichtern der Hörer lag ein starkes Berührtsein darin. Ich habe auf diesen Kreis nichts von der Geringschätzung des "Bundes" übertragen. Diese begann tatsächlich erst bei dem sehr ungeschickten Empfang. Ich kann doch auch meine Vergleiche anstellen: für akademische Redner ist diese Organisation nicht reif.
Sollte ich nun aber auch wirklich die Prüfung vor dieser hohen Censurbehörde naturwissenschaftlicher Dilettanten (denn am naturw. Geist liegt es) nicht bestanden haben, dann wäre es von Ihnen doch wohl das Richtige gewesen, dies mit völligem Stillschweigen zu übergehen. Der Mensch ist nicht immer u. auf Kommando zu Höchstleistungen fähig. Das versteht sich von selbst. Ich habe
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| zwar das Bewußtsein, garnicht unter dem ersten Niveau meiner Natur geblieben zu sein (vieles Wörtliche daraus hat vorher u. nachher auf meine Studenten sehr tief gewirkt. Die "Schlußworte im Seminar", die der beil. Brief erwähnt, waren nichts als eine mangelhaften Reproduktion aus Cassel. Ich habe um kein Lob gebeten (selbst das übliche gesellschaftliche blieb bei dem Onkel u. der Tante aus.) Es war aber nicht nötig, mir den Tadel nachzuschleudern.
Sie haben mir sonst geholfen aufzubauen. Warum zerstören Sie mir jetzt alles? Es ist der 2. Vortrag, der an diesem abkühlenden Hauch zugrunde geht. Ich werde in mir unsicher.
Ich habe wiederholt gesagt, daß jetzt nicht die Zeit ist, Forderungen zu stellen, die das Recht des einzelnen Subjekts betonen. Ich verlange von niemanden in der Welt eine Hilfe für mein inneres Leben, ich gehe königlich meinen Weg ganz allein. Aber unser Verhältnis
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| hat einen andren Sinn, und es wird sinnlos, wenn ihm das Persönlichste genommen wird. Zwischen uns handelt es sich nicht um die Censurierung von Leistungen; auch nicht darum, was sonst die Onkels und Walthers und Tanten über mich meinen. Sie haben mir den Glauben gegeben, daß Sie mir helfen werden. Dann müssen Sie mich auch an den Stellen schonen, wo ich tief verletzlich bin. Für die nötige Selbstkritik wird meine Neigung zur Selbstquälerei schon sorgen.
Dieser neue Zwischenfall ist mir doppelt leid, weil er bei der abnormen Lebhaftigkeit meiner Associationen Cassel für mich dauernd mit einen Schatten bedeckt.
Hoffentlich haben Sie Nachrichten von Kurt? Wo ist Hermann jetzt und muß er hinaus?
Ich bekomme sehr viel ausführliche
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| Feldpostbriefe. Die meisten enthalten interessante psychologische Einblicke, u. ich soll da helfen und deuten. Manche Fälle sind aber auch verworren und unlösbar. Friedmann z. B. scheint von Sibirien aus an seine Frau geschrieben zu haben. Wie stehe ich dann mit meiner Mission da? - Und heute erschreckte mich das Geständnis einer Liebe, die ich ja auch heilig nenne und halte - die aber doch einem andern gehört und deshalb zu nichts Gutem führen kann.
Willmann schreibt 8 Seiten. Frau Riehl beklagt sich über zu seltene Nachrichten. Mein Vater hält sich tapfer u. schreibt immer sehr schön, ganz in meinem Sinne: kriegsmutig u. doch voll Mitgefühl. Ein junger lieber Mensch, sein Mündel, Landwirt, hat einen Schuß durch beide Augen bekommen.
Es ist ein trüber, feuchter Tag heute. Und auch in mir ist es trübe. Ich
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| habe eine Woche reicher Arbeit und echter guter Wirkung hinter mir. Aber die Stelle in mir, wo der Mensch sitzt und das ganz arme menschliche Bedürfnis, die ist traurig, seitdem aus Deinen Briefen dieses Fremde klingt. Ich weiß, Du kannst nicht dafür, das liegt jenseits alles Wollens und Vornehmens, ist rein Gefühl. Aber ebenso beim Empfänger: Wenn ich sooft Deine Zeilen flüchtig gelesen hatte, so stand statt alles Einzelnen ein sehr liebes Gesamtgefühl vor mir. Warum jetzt immer irgend etwas Quälendes, wo ich doch genau weiß, daß Du das nicht willst? Fast bin ich abergläubisch und geneigt zu denken: es ist Heidelberg, was das fehlt. Die Casseler Luft ist uns wohl doch nicht günstig.
Treue Grüße
Dein
Eduard.