Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30./31. Januar 1915


[1]
|
30. I. 15.
Liebe Freundin!
Ich habe eben angefangen, ein Buch von dem Wiener Staatsgelehrten Frhrn. von Wieser zu lesen, "Recht und Macht", ein Buch, das natürlich wenig bekannt geworden ist, das aber meine Sehnsucht nach echten Quellen des Geistes in jedem Satz mit feurigen Kräften nährt, ein Buch, das m. Seele und Hand, wie Sie sehen, zittern macht. Denn es bestätigt mich in dem Gefühl, daß in mir noch ganz unausgeschöpfte Kräfte zu geistiger Gestaltung liegen, und daß der Weg, den ich an mir sehe, ein Weg des Lichtes und der Geisteskraft ist. In solchen Augenblicken fühle ich, daß die Stelle meines Wertes doch nicht im Schützengraben ist, sondern daß nur
[2]
| mein innerstes Mitleben dort liegen kann.
Es ist undenkbar, daß Sie mich in dieser Epoche innerer Gärung und Zeugung schon verstehen können. Ungeschehenes sichtbar zu machen, ist ja eben mein innerer Beruf, auch wenn er nicht zur äußeren Vollendung gelangen sollte. Aber das möchte ich verhüten, daß Sie mich mißverstehen. Es könnte so scheinen, als ob ich gegen Sie nur Unduldsamkeit hätte und Ihnen nichts Eigenes gönnte. Das ist nicht so. Es hieße, unser Zusammenleben von innen heraus zu zerstören. Was jetzt so kritisch scheint, hat seinen realen Sinn, wie ich schon früher sagte, im Gegenteil darin, daß ich Sie frei sehen möchte. Sie sollen nicht blind an mich glauben oder um meinetwillen jedes natürliche menschliche Gefühl aus Ihrem Herzen ausreißen. Sie sollen nur nicht abhängig werden oder sein von Mächten, die meinem inner
[3]
|sten Wesen fremd sind. Das Urteil der Menge oder einzelner Personen ihrer Umgebung soll Sie nicht an dem Sinn meiner Arbeit beirren. Sie haben eine Tendenz zur Stille der inneren Lebensführung, die Frauen natürlich und gemäß ist. Aber ich sehe es gern, wenn Sie nach außen stolz sind, eben in dem Bewußtsein unverlierbarer Zusammengehörigkeit mit einen Menschen, der - er hinge oder falle - doch aus eignen Quellen lebt. Dieses Vertrauen müßte ich von Ihnen auch äußerlich dokumentiert sehen, als Geringschätzung der Ansprüche derer, die noch nicht auf den Vorstufen sind, nicht als Gleichgültigkeit gegen echtes Verdienst, wie (auf anderem Gebiet) es etwa Ihre Brüder haben. Ich will mit meinem eignen Maße gemessen werden, nicht weil Eduard Spranger das verdient, sondern weil sein tiefstes Lebenselement eben doch die Ehr
[4]
|furcht vor dem Leben ist. Menschen, die nur nach äußerem Erfolge gingen, sehen doch anders aus. Ich möchte gewonnen werden als ein Produkt echter geistiger Mächte, denen ich diene, nicht als Literat, der nur Lob verträgt. Je stärker ich als Ego dem Mißtrauen in mich selbst, den moralischen und physischen Schwächen unterliege, um so reiner möchte ich in Ihnen den Spiegel dessen sehen, was ich sein könnte, wenn ich den Forderungen an mich selbst genügte. Diese Forderungenallein sollen Sie unterstützen, und denen sollen Sie es allerdings nicht leicht machen.
Der warme und versöhnliche Ton in Ihren letzten beiden Briefen trotz meiner explosiven Heftigkeit tut mir wohl. Aber verstehen Sie mich nicht falsch. Es wäre traurig, wenn ich immer nur Zustimmung erwartete, z. B. auch da, wo es sich nur um gelegentliche Niederschriften handelt. Und wenn ich für jeden fremden Studenten draußen ein warmes Interesse
[5]
| habe, so wäre es doch merkwürdig, Ihnen den wärmsten, täglich ausgesprochenen Anteil an Ihren Brüdern zu verbieten. Wenn ich da gelegentlich mal ablehnend war, so erwarte ich von Ihnen, daß Sie das nicht für ein Gutes in meiner Natur halten, sondern für etwas, das reizbarer Laune und subjektiver Not entspringt (wie wir sie jetzt alle haben), aber als etwas, das nicht sein sollte und nicht ist, wenn ich ganz "Ich selbst" bin.
Es ist mir in vielen Jahren, geliebtes Wesen, ein Bedürfnis geworden, das Reine und Gewisse meiner Natur so treu in Dir gespiegelt zu finden, daß ich in diesen schweren Zeiten wohl manchmal mit Ansprüchen komme, die für einen Menschen fast zu schwer sind. Die Schuld trägst Du selbst. Denn woher nähme ich das Bild dieser beinahe übermenschlichen Liebe, wenn nicht von Dir? Und ich bin so grenzenlos auf
[6]
| Dich angewiesen, daß ich immer um meine seelische Selbsterhaltung gerade mit Dir kämpfen muß, während ich anderen Menschen noch leicht und mühelos geben kann. Die unablässige Lebensbewegung, die in mir ist, fordert auch von Dir immer neue Stufen. Es scheint das unsre Bestimmung für einander. Und es wäre weit schlimmer, wenn ich Dich in Ruhe ließe. Denn diese Ruhe wäre Gleichgültigkeit. Nicht nur als Mann, sondern auch als durchaus eigne Natur brauche ich an einer Stelle diese verstehende Gewißheit, die auch einmal öde Landstraßen mitgeht, eben um an ein schönes Ziel zu kommen.
Der Mensch ist doch im Kleinsten wie im Großen derselbe. Wie oft sind wir auf unsern Reisen Wege gegangen, die kein andrer Tourist gehen würde, Oberndorf! Es war vieles verfehlt. Und
[7]
| doch - die großen Bäume auf einsamer Höhe - sie sind Dir auch eine Freude gewesen. Mein Lebenswerk fängt jetzt eigentlich erst an. Ob ich es vollende, d. h. das Werk eines zweiten Hegel, das ist eine nicht zum kleinsten Teil an Dich gerichtete Frage. Deshalb sehe ich Dich nicht gern in kleineren Bedingungen gefangen. Sondern da liegt etwas, das man zu zweien sehen will, wenn es auch der weiblichen Natur ferner sein muß als die Humanitätsidee. Ich darf von dieser Linie nicht abkommen; ich darf mich hier nicht als ersetzlich fühlen, sonst fehlt von vornherein die Kraft. Jahre sind es, die dazu gehören, aber ich denke sie mir als Jahre mit Dir. Der 31. August 1903 war für mich entscheidend. Da fand ich "Zuhören". Zuhören ist schon Echo. Es ist unvermeidlich, daß weibliches Wesen auch sonst mich fesselt. Aber Du allein hast mir bisher die Seele gezeigt, in die ich meine Seele legen kann.
[8]
| Das ist der tiefere Sinn dieser Schwierigkeiten. Also doch nicht bloße Zänkereien oder Nervosität oder Selbstgefälligkeit.
Friedmann (ich weiß nicht, ob Sie richtig verstanden haben: er schwankt zwischen ungeschiedener Frau und unverlobter Braut) Hat an Svante Arrhenius einen Brief geschrieben, 50 Rubel erbeten. Arrhenius schreibt sehr nett nach hier. Er interessiert sich warm für F., hat gleich die Temperaturmittel von Kansk herausgesucht, - 26° im Januar! Und gestern bekam ich über Stockholm ein Telegramm v. Frl. Ingermann, die berichtet, daß es ihm gut geht, daß sie Geld geschickt hat, und für Frl. Haas die Adresse der Ober<Rest unleserlich> angibt.
Für heut Schluß! Fast Mitternacht!

[9]
|
31.I.15.   ½ 3 Uhr
An sich ist kein Ende. Ich bin wieder mal in allseitiger Bewegung. - Aber heut Vormittag war Frau Hofmann 2 Std. bei mir, und gleich kommt der Kriegsfamulus (diese Seele!), um mich zum Tauspaziergang nach Knauthain abzuholen.
Frau H. eine sehr tief veranlagte Natur, philosophischer Hang, ganz rein und ideal, aber etwas labyrinthisch, und ich bin vielleicht in einem Winkel meiner Seele zu sehr Philister, um dabei nicht ängstlich zu sein, d. h. für sie. Zunächst aber freue ich mich, daß ich ihr innerlich helfen kann, und tue es mit offener Freundschaft.
Dabei trat nun wieder einmal das zu tage, was Frau R. vor Jahren betonte: die Menschen finden mich zu höflich und halten sich, wie ich höre, darüber auf. 1910 war ich darüber empört. Jetzt kann ich nur lächelnd sagen: Ihr ärgert Euch nur darüber, daß Ihr
[10]
| nicht an mich herankönnt, und das ist ja aber die Absicht. Ich will nur mit den Echten zu tun haben, und die finden schon Mut und Weg zu mir. Die andren verdienen eben Höflichkeit. - Für mein inneres Leben brauche ich nur einen, und damit komme ich wieder auf den Anfang zurück.
Aber ich muß schließen. Hoffentlich ist der Anfall der Tante bald vorrübergegangen. Grüßen Sie sie u. sagen Sie ihr, daß ich ihr für ihre lieben Zeilen herzlich dankbar bin.
Der Onkel hat für den Vortrag 2 Wasserkissen gekauft. Bitte bestellen Sie ihm wörtlich wie Lenz und ich es etwa accentuieren würden: ich ließe ihm für die sinnreiche Umsetzung meiner Ansprache in physische Äquivalente herzlich danken. Privatim können Sie sich merken, daß ich den Gedanken sehr gut finde und mich freue.
Herzlichst
Dein
Eduard.

[li. Rand] Gehen Weinels nach Heidelberg?