Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. Februar 1915 (Leipzig)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>

10.II.15.
Liebe Freundin!
Nur einen ganz kurzen Dank für das wunderhübsche Bild, das in allen Farben und Linien seinen Ursprung aus einem echten Erlebnis bekommt und in mir wieder zum Erlebnis wird. Freilich auch zur Sehnsucht, daß solche friedlichen Gesichteeinmal wiederkommen! Meine Hellseherin behauptet, daß der Friede im Mai sein wird. Möchte Sie Recht behalten!
Auch Deinen lieben Brief über Berlin habe ich erhalten. Von hier ist nichts Wesentliches zu melden. Ich bin vom Semester fühlbar verbraucht und werde bis zum Ende des Monats nichts andres leisten können, als was der Tag fordert. Das ist freilich nicht wenig. Ich fange an, jetzt in der Fakultät eine Rolle zu spielen. Denken Sie,
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| in eine Kommision von 6 Naturwissenschaftlern als einziger Geistesmensch gewählt, an sich ein erbarmungswürdiges Los, da einer immer schlechter redet als der andre; dazu noch den Auftrag das Votum auszuarbeiten, und Montag wieder Sitzung.
Sitzungen auf Sitzungen! Und die unselige Frauenhochschule! Da schwimmen alle im Fluß befindlichen Gedanken wieder weg.
Hermann sandte sein Bild. Aber wie gealtert! Das ist nicht der Krieg allein, das ist seelisch!
Nieschling hat wieder geschrieben, ebenso der arme Max Dann, und täglich mehrere aus dem Felde. Ich komme mit dem Antworten nicht durch.
Die Kollegs sind noch normal besucht. (Ziffer der Belegenden: Pädagogik 163, Phil. d. Gesch. 76.  Üb. 51.) Aber es geht hier ein Gerücht, daß am 15. Februar der
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| Landsturm bis 1884 eingezogen werden soll. Über mich ist noch nicht entschieden.
Sonnabend, den 13. Berlin. Montag den 22. Päonia bei mir im Fürstenhof(?) So wird wohl leider das Semester doch schließen, ohne daß wir uns sehen. Was dann kommt, ist mir überhaupt wie ein dunkles Loch. Jedenfalls kann ich nicht dauernd nach Berlin gehen.
Für heute nur dies, d. h. nur meinen Dank für das liebe Bild! Viel herzliche Wünsche auch für die Tante und 1000 Grüße.
Dein
Eduard.