Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Februar 1915


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17.II.15.
Liebe Freundin!
Heute habe ich die Nachricht erhalten, daß Frau Fastenrath gestorben ist. Wenn ich sie auch nur selten sah, so war sie mir doch als Jugendfreundin meiner Mutter eine nahe Freundin. Ich habe überlegt, ob ich zur Beerdigung am Freitag nach Halver fahren soll, bin aber zu der Ansicht gekommen, daß ich bei den zahlreichen Pflichten, die ich hier habe, nicht 3 Tage aussetzen kann, ohne gegen den Geist höherer Verpflichtung zu handeln.
Aus Ihren beiden letzten lieben Briefen greife ich nur die Frage eines Wiedersehens in nächster Woche zur Beantwortung heraus. Es würde sehr in meinen Wünschen liegen. Aber keine Zeit kann dazu ungünstiger sein als gerade die letzte Woche des Semesters. Sie sehen auf dem beiliegenden Stundenplan,
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| welche Stunden schon jetzt besetzt sind. Natürlich kommt noch allerlei hinzu. Die Vorlesungen verlangen - wegen der am Schluß nötigen Kürzungen - jede noch besondere Vorbereitung. Mit anderen Worten: wir würden uns garnicht sehen. Und das lohnt dann doch die Kosten nicht. Die Sache wäre noch anders, wenn hier eine Tante Greta lebte, die Sie besuchen könnten. So aber wären Sie tatsächlich in einer fremden Stadt.
Die Verschiebung wird mir um so schwerer, als auch unmittelbar nachher Schwierigkeiten bestehen. Ich lese bis Dienstag 2. März, habe am Montag Abend noch einen eingelegten Vortrag. Gleichzeitig beginnt hier die Messe. Sie wird als inländische Messe immer noch ganz gut besucht sein, d. h. alles sehr voll und alles teurer. Dann ist Leipzig über alle Begriffe ungemütlich. Endlich muß ich am 3. - 5. die Fortsetzung für die "Deutsche
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| Schule" machen. Es ist also mal wieder Forderung der kühlen Vernunft, zu warten, bis Tage kommen, an denen wir wirklich etwas haben. Ich habe auch daran gedacht, ob wir uns vielleicht für 3 1/2 Tage in Weimar treffen sollen, um der Messe zu entgehen. Aber 1) ist das Wetter doch fraglich, und 2) bin ich offen gestanden jetzt sehr für's Sparen, weil ich - ob Krieg oder Frieden - sicher bis 1. Dezember d. J. stark vom Kapital leben muß, denn fast die Hälfte des Gehalts brauche ich für Steuern, und alle andern Einnahmen sinken auf ein Minimum.
Ich werde nur ganz kurz nach Berlin fahren, solange Krieg ist. Stattdessen will ich die 7 Ferienwochen so arbeiten, daß die Vorlesung für den Sommer innerlich ganz fertig wird, damit ich den Gegenstand im Juni - so Gott will - bis Ende des Jahres allmählich in Buchform bringen kann. Denn wenn ich diese abnorme Zeit nicht benutze:
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| in normalen Zeiten ist keine Gelegenheit zum Reisen.
Und Sie können die Zeit auch benutzen. Ich werde Ihnen ein Buch schicken, das Sie studieren müssen. Unser Zusammensein wird um so höheren Inhalt haben, je stärker Sie an meinen Problemen teilnehmen können. Ihre Domäne ist nicht die Macht (das habe ich schon gemerkt), aber die Kunst. Notieren Sie getreulich alles, was beim ästhetischen Schaffen u. Genießen eine Rolle spielt. Lesen Sie dazu Caroline u. Dorothea. Ich muß meine Auffassungen an andern kontrollieren, komme aber in der nächsten Zeit nur zu Rechts- u. Staatswissenschaft nebst Nationalökonomie. - Das gastweise Hören bei Vorlesungen pflegt mich zu beirren. Der Wert liegt im Zusammenhang, wie man überhaupt Jahre lang mit mir gegangen sein muß, um die Stelle zu kennen, an der ich augenblicklich stehe.
Nicht wahr, Sie sehen ein, daß das in der nächsten Woche für uns beide nichts böte, und denken nicht etwa, es läge mir nicht daran? Von dem übrigen das nächste Mal.
In treue Liebe Dein Eduard.

[li. Rand] Meinem Vater ging es gut. Ich habe energisch verlangt, daß wenigstens das Bett in die Berl. <Kopf> Stube kam. Das nächste Mal beanspruche ich mein Zimmer.