Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Februar 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 23.II.15.
Liebe Freundin!
Die Wolken dieser Zeit vermögen nicht zu verhüllen, was mir der Tag Ihrer Geburt bedeutet. Und der Tag ist doch nur Symbol für das, was Sie mir sind. Wie sollte ich da einzelne Wünsche aussprechen können, wo das Ganze des Lebens so ungeteilt zusammenströmt. Alles Einzelne erscheint unzulänglich, und so besonders auch die kleinen Zeichen des Gedenkens, die ich Ihnen sende, anscheinend "nur" Bücher, z. T. solche, die nicht einmal der gebundenen Form wert erachtet sind, aber jedes, wie Sie sehen werden, voll innerer Beziehung auf uns, und auf die Stufe, die wir erreicht haben.
Der Blick in die Zukunft ist eine Andacht, ohne Gestalt, aber voll Glauben. Der Rückblick hingegen zeigt, wozu das Leben uns füreinander bestimmt hat, und ich betrachte den Reichtum
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| dieser Jahre als das Wunder und den Inhalt meines Lebens.
Wir haben zuletzt um unsre innere Klarheit mannigfach kämpfen müssen. Kein Kampf ist ohne Gefahr und ohne Erschütterung bis ins Letzte. Aber ich habe heut die Gewißheit, daß das alles nur um eines Größeren, Neuen willen geschieht. Es ist in mir durch dies alles viel klarer und lichter geworden. Der alte Besitz hat dem Ungewohnten einer tragischen Zeit stand gehalten. Ich habe erkannt, daß meine Stelle nicht draußen ist und daß sie, wenn es noch dazu kommen wird, mir in einem besonderen Sinne dort sein kann, nämlich durch das, was ich meinen Kameraden zu sein vermöchte, nicht durch mein Soldatentum. Diese lange Probe ist vollendet: ich würde dort wohl kaum ein einschneidend Neues erleben. Wenn ich aber sagen darf, daß ich reif bin in mir und reich, daß von mir etwas überstrahlt auf die Menschen mit einern Kraft, über die ich oft staune, so weiß ich, daß das Dein
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| Werk ist und daß Du mich in mir vollendet hast zu einem Frieden, den alle andern fühlen und genießen, bis auf dich, weil es zwischen uns immer noch weiter geht.
Der alte Besitz bleibt. Aber die neue Stufe liegt schon klar vor Augen: wir haben in so vielem auf uns verzichtet, daß nun die Stunde da ist, nicht nur unser Leben, sondern das Leben selbst in seinem Umrissen objektiv zu erfassen und es doch mit dem Gehalt des Selbsterlebten durch und durch zu erfüllen. Wir haben nicht mehr auf die Insel zurück kehren dürfen. Aber das Festland glaube ich zu haben, wenigstens in den Stunden, wo ich ganz "ich selbst", das heißt: ganz mit Dir vereint bin.
Ich habe in den letzten Monaten geglaubt, daß mir eine neue Philosophie von unerhörtem Umfang – eine allseitige Gestaltung des Lebens in der Form des Gedankens – gelingen werde. Vielleicht ist dies meine Bestimmung, und dann müßte ich ein langes Stück allein gehen, denn Philosophie ist einmal Begriffswelt.
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Aber vielleicht ist es garnicht so. Vielleicht wird dieser lange Weg der Selbstverständigung nur Vorbereitung sein zu dem, was mir doch am tiefsten im Blute liegt, zu der pädagogischen Wirkung auf Menschen, die ich das Leben sehen lehre. Wenn mir dies gelingt – und das ist doch meine ungeahnte Kraft – dann stehst Du immer an meiner Seite. Denn was wüßte ich von mir ohne dich, und vom wahren Leben ohne Dich, und wenn dir das alles auch nicht so klar umrissen vor Augen liegen kann wie mir, so hat es doch seine Wurzel in der Einen unversiegbaren Kraft Deines Herzens, die mir die Kraft gab, auch unter Schmerzen meinen Weg zu gehen.
Wenn so ein Menschenkind vor mir sitzt und ich fühle, wie ihm durch mich Flügel gewachsen sind – gerade in den letzten Tagen war dies wieder in manchem Fall so stark – dann fühle ich auch, daß ich immer von Deinem Wesen etwas mit abgebe, bis zu dem Grade, daß ich in den letzten Kollegs geradezu persönliche Apotheosen auf Dich einflocht und daß die andern ahnten: hier redet er von einem eignen tiefen Schicksal. Aber das ist das Neue: ich betrachte dies
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| Schicksal nicht mehr als eine bloß innere Welt, die uns beiden allein gehört, sondern als eine erobernde Kraft. Deshalb bin ich auch ganz ruhig, daß ich jetzt für die allgemeine Hilfsarbeit jetzt so garnichts mehr direkt tue; denn ich weiß, daß der Weg, den ich habe, seine stille, langsame Wirkung übt, nicht durch Kanzelrhetorik, sondern durch das, was mich das Leben gewürdigt hat zu werden, ein Geschenk, kein Verdienst. –
In den letzten Tagen war ich grenzenlos gehetzt, immer tätig, ohne eigentliche "Arbeit". Aber trotz grenzenloser Nervenspannung war es mir immer möglich, eine echte Freude am Leben um mich zu empfinden, trotz aller Kriegsnot, und wenn es so weiter geht, werde ich vielleicht zu weltlich. Sehr tiefgehende Eindrücke habe ich gehabt, die sich nicht brieflich mitteilen lassen. Es ist nötig, daß wir uns bald sehen, und das soll dann die Nachfeier Ihres Geburtstages sein.
Der Registrator ist vor wenigen Tagen nun wirklich nach Brandenburg eingezogen worden. Ich sehe darin für ihn ein Gutes. Freilich, und
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| deshalb ist es mir auch wieder nicht recht: ich wünsche dieser lieben jungen Seele noch eine reiche Entfaltung (die durch den Krieg allein kommen kann); aber wenn sie mir genommen würde, so verlöre ich damit – dessen bin ich sicher – den einzigen ganz nahen Freund, den ich noch habe. So seltsam ist auch diese Entwicklung aus dem Jahre 1903: meine tiefe, fast krankhafte Liebe zu dem damals so hübschen Knaben hat hat ihre reichen Früchte getragen: wir sind Freunde , das fühle ich in dieser Stunde, er ist mir das, was ich an der ganzen großen Un. Leipzig mit ihren klugen Köpfen vergeblich gesucht habe.
Gestern verlief die Paeonia glatt. Nur ist es mir etwas schmerzlich für meine Verhältnisse – so ein Abend für 80 M. Ich brauche viel, und die mageren Kühe brüllen vernehmlich im Stall.
Alles sonst noch mündlich. Über das Wann recht bald.
Ich gedenke Ihrer Brüder und der Ihrigen
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| und hoffe, daß frohe Nachrichten aus der Ferne Ihnen diesen Tag verschönen. Ich werde Ihnen nicht fern sein, wenn auch vom Morgen bis zum Abend zu tun ist.
In treuer Liebe grüßt Dich
Dein
<gestrichener Buchstabe> Eduard.