Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Februar 1915


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Ein Jahr verging, seit unter Frühlingshoffen
Der Keim der Menschheitssehnsucht sich erschloß
Zum Blütenmeer, und unsern Blicken offen
Der Lebensformen Flut sich frei ergoß.
Dann aber nahm das dunkle Meer der Zeiten
Die schöne Welt in seinen Schoß zurück:
In tausend ernsten Todesformen schreiten
Sie über Menschheit nun und Menschenglück.
Ein zweites Mal rollt jetzt die stolze Brandung
Zum Strand; und doch, dieselben Formen bringt
Sie größer wieder; größer ist die Landung,
Die meinem Volk und meinem Denken winkt.
Für jenen Inhalt war der Blüten Fülle
Das rechte Kleid; ein inselhafter Traum
Von Du und Ich bot unter seiner Hülle
Dem freundlichen Beginnen Licht und Raum.
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Die neue Welt stellt ernsteres Verlangen
An Dich und mich; dem weiblichen Gemüt
Vielleicht zu schwer, und noch ist leises Bangen
In deinem Herzen. Aber in mir glüht
Nicht heiße Sehnsucht nur, nein, tiefes Ringen,
Daß nur durch Dich auch dieses Größte wird;
Dies ist mein Glaube: soll es mir gelingen,
Dann muß, was dunkel meine Brust durchirrt,
Zuerst in Dir, Gefährtin langer Jahre,
Gestalt empfangen: Niemand oder Du!
Da ist kein Wählen, alles Echte, Wahre,
Strömt meinem Leben nur aus Deinem zu.
Und eine Stimme sagt aus tiefen Bronnen:
Das ist dein Weg, verschließe jeden Sinn
Und jedes Suchen; wo Du's einst begonnen,
Da wollt die Kraft auch zur Vollendung hin.
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So an der Schwelle Deines neuen Jahres
Ergreif' ich leidenschaftlich Deine Hand:
Dein war der Anfang, Dein das Ziel; bewahr' es
Mit mir das neue, wie das alte Land!
25. II. 15.
Eduard.