Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. März 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 2. März 1915.
Liebe Freundin!
Heute morgen um 9 Uhr habe ich das Semester geschlossen. Ein Semester ehrlicher Arbeit, 16 Wochen zu mindestens 11 Stunden, manchmal 13. Jeder Gegenstand ist, wenn auch nicht erschöpfend, so doch abgerundet behandelt. Bis zur letzten Stunde habe ich einen sehr ansehnlichen, z. Z. wieder vermehrten Besuch gehabt.
Das Ende des Semesters war nötig, aber es stimmt mich traurig. Es ist, als ob ein Rest von Freunden, die noch geblieben sind, auseinanderginge. Manches Gesicht, die regelmäßige Geschäftlichkeit wird mir fehlen. Es wird wieder eine kritische Zeit, wie im Herbst, denn die Dinge liegen ganz ähnlich. Ich habe zwar viel zu arbeiten und gehe von heute an mit ganzer Energie daran, aber in meiner Seele ist es - das darf ich Ihnen nicht verschweigen, etwas trübe. Vielleicht bin ich zu suggestibel,
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| aber Woltereck war gestern da, kam vom Auswärtigen Amt, reist heute nach Italien zu Grassis, und er ist der Meinung, daß die Stimmung unten ganz schauderhaft gegen uns wäre. Dazu kommt die Dardanellen-Gefahr - ich sehe nirgends ein Ende und fürchte, dieses Ende ist zuletzt eine unentschiedene Partie, wie es von Anfang an mein Gedanke war.
Ich will nicht mies machen; militärisch steht alles über Menschenkraft gut; aber politisch - -?
Und leider kann ich es nicht vermeiden, auch meine individuelle Zukunft mit schwankenden Blicken zu betrachten. Mein Famulus (1888) ist ein Mensch von Seelenruhe, glaubt noch nicht dranzukommen. Es ist aber nur eine Frage von Tagen meiner Ansicht nach. Und vom 1. Mai an kann dann wohl auch die 82er allmählich die Reihe treffen. Man weiß nicht, was man wünschen soll: das S. S. wird sicher schrecklich deprimierend, aber die Schilderungen des Registrators (s. Beilage) sind auch nicht erhebend. Sobald ich beim Ministerium den Antrag wiederhole, wird gewiß mehr geschehen. Aber darf man das?
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| Kurz, ich möchte mich in die Arbeit stürzen, um von Zukunftsgedanken frei zu sein. Aber dann kommt eben wieder die Unzufriedenheit, nicht direkt für das Ganze zu leben, obwohl mir täglich klarer wird, daß man nach dem Kriege uns (nicht die Philologen), aber alle Kulturpolitiker und Kulturpädagogen dringend brauchen wird. Was hat das Schicksal mit mir vor?
Wenn es mich in den Krieg führt, so soll ich meinen Abschluß in religiöser Richtung finden; denn wenn ich gehe, sagt mir ein dunkles Gefühl, daß ich nicht zurückkomme. In andern Fall liegt eine wissenschaftliche Vollendung vor mir. Der Mensch ist so seltsam: ich weiß, daß es einmal Scheiden heißt, und daß es für den einzelnen nur ein Segen sein kann, "frühvollendet" zu gehen, d. h. das Letzte, was er doch bald schauen muß, ein wenig bälder zu schauen. Und doch habe ich nie so stark am Leben gehangen wie jetzt. Ich erinnere mich früherer Stunden, wo ich mir sagte, ohne jeden Lebensüberdruß, wenn es jetzt käme, so wäre
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| es leicht. Weil schon ein Gleichgewicht u. eine Ruhe in mir war. Jetzt ist wieder alles in Bewegung, ich habe neue Freude an der Arbeit, fühle doppelt stark meine Beziehungen zu den Menschen, und ginge sehr ungern. Das ist die Folge davon, daß ich nicht in der ersten Kriegsbegeisterung Soldat wurde. Jetzt ist alles reflektiert, damals war alles groß und unmittelbar.
Um nun von den Charlottenburger Fall zu reden: Es wäre einfacher, wenn ich Ihnen den Briefwechsel schicken könnte. Ich möchte nicht gern zu ausführlich dabei verweilen. Also kurz die Sache ist für uns aus 1000 Gründen unhaltbar. Au fonds gutmütige Person, aber hysterisch, von sehr anfechtbarer Gesundheit und jetzt habituell schlechter Laune. Ihre Klagen gelten vor allem der "ungesunden" Wohnung (an der nichts ungesund ist, als sie.) Sonntag schickte sie mir nun einen Klagebrief, worin beweglich geschildert war, wie ungesund die hinteren Räume wären. Die Zähne wären ihr des Morgens so kalt, daß sie
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| erst etwas Warmes trinken u. kauen müßte, ehe sie (die Zähne) wieder zu sich kämen, und derlei Quatsch. Meine Antwort war sehr freundlich gehalten, aber auch sehr entschieden; folgende Hauptpunkte: 1) die Wohnung wäre hervorragend gesund. 2) Ich hätte schon viel Konzessionen gemacht bis zur Aufgabe eigner Gemütlichkeit, würde ihr aber das schon 11 Monate freie Zimmer dauernd einräumen, wenn sie sich verpflichtete, die unberechtigten Klagen über Ungesundheit der Wohnung einzustellen. 3) Wenn sie an Ihrer Gesundheit Schaden nähme, dann könnte ich die Verantwortung nicht tragen u. bäte sie, am Tage des Empfangs des Briefes (1.III.) sofort zum 1.IV zu kündigen.
Die Hauptsache ist die: die 3 Treppen sind ihr unbequem u. ihre Nichte hat ein Haus, dorthin soll (ausgesprochenermaßen) mein Vater ziehen. Das alte Lied! Ich habe scharf erklärt, daß davon nicht die Rede sein könne.
Meinen Brief u. ihren habe ich gleichzeitig an m. Vater geschickt, der sich natürlich sehr aufgeregt hat. Heut sind beide Antworten da: Mein Vater schreibt: verweinte Augen,
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| bis 7¼ keine Kündigung. Sie schreibt kurz, aber im ganzen freundlich: der Schreck wäre ihr in die Glieder gefahren, weg möchte sie nicht, sie wüßte nicht wohin.
Ja, da liegt der Hase im Pfeffer. Die Sache ist - mag nun die Schuld haben wer will - eine mißglückte Verbindung. Wie schwer es mit meinem Vater ist, weiß ja niemand besser als ich. Aber ich glaube, ihre Schrullen sind noch viel unerträglicher, ohne die Entschuldigung des Alters. Mir wäre eine Lösung jetzt durchaus recht gewesen. Denn sie muß doch kommen und wird nur täglich schwieriger. Jetzt bin ich noch frei; sollte ich eingezogen sein, dann kann ich die Dinge nicht mehr regulieren. Na, nun ist vorläufig Waffenstillstand, aber ein höchst ungemütliches Verhältnis bleibt es, und wenn ich länger nach Berlin könnte, würde die Sache wohl so garnicht haltbar sein. Ich danke herzlich für Ihre Hilfsbereitschaft. Es ist schon wahrscheinlich, daß ich Sie später einmal in dieser
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| Sache bemühen muß. Augenblicklich liegt kein Grund vor, dem Kinderhort fernzubleiben. Nur wollen wir, damit doch etwas feststeht, den 16. März für das Zusammensein hier fixieren.
Ebenso danke ich sehr für den symbolischen Kuchen, der in dieser Zeit des gespannten Schmachtriemens sehr willkommen, obwohl unpatrioisch ist.
Diese Woche bin ich noch mit 3 Sitzungen gesegnet. Außerdem habe ich noch verschiedene Arbeiten mit dem Famulus vor. Ich glaube, wenn der auch noch geht, dann werde ich weinen. Er ist doch - obwohl mein Examenskandidat - hier mein einziger echter - Freund. Dieser Zustand ist jedenfalls auf die Dauer nicht durchzuführen. So einen Krieg zu erleben ohne einen Freund, dem man sich auch über Persönliches aussprechen darf, ist sehr schwer. Von den Menschen, mit denen ich umgehe, werde ich Ihnen viel erzählen, auch interessante Schriftstücke zeigen.
Das Haus Rohn ist für mich im Geben nicht mehr dasselbe. Ich war neulich da, lernte den Sohn
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| kennen und damit zuerst die Tonart, auf deren spätere Häufigkeit ich gefaßt bin: Das haben wir getan, was tut Ihr?" Ich schweige, aber ich gehe auch, solange er da ist, nicht mehr hin.
Gestern habe ich vor lauter Kindergärtnerinnen z. T. jüngsten Datums rasch was hingeplappert über "Veraltetes und Bleibendes in Fröbels Pädagogik". Schien ihnen gefallen zu haben. Frau Richter, Leiterin des Kindergartenseminars in Cassel, war auch da. Nun hat die Rederei wie in England die Rhederei ein Ende. Ich will jetzt nur lernen, nicht produzieren. Ob ich Wort halte?
Auf Kurts Brief komme ich das nächste Mal. Ich habe dies nur rasch geschrieben auf Ihre Frage, in der ersten freien Stunde, die ich nach tagelanger Diensttätigkeit ohne Unterbrechung hatte. Das Kapitel Hofmann muß dann auch berührt werden.
Auch der mageren Kuh muß ich wieder gedenken: von jetzt bis zum 1. Dezember muß ich von 2000 M Einkommen leben, wenn ich die Steuern abziehe. Das ist Unterernährung. Aber es gibt größere Schmerzen. - Nochmals vielen herzlichen Dank in treuer Liebe Dein Eduard.