Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. März 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 5. März 1915.
Meine liebe teure Freundin!
In ganzer Seele fühle ich mit Ihnen den Verlust des Vetters, den Sie immer um seines Lebensmutes willen besonders geliebt haben. Wie ich an Ihrem und der Tante Schmerz teilnehme - das wissen Sie auch ohne Wort!
Ja, es ist oft sehr dunkel jetzt!
Aber das Leben rollt fort, und es ist da etwas in meinem Leben, das nicht ohne Wort vorübergehen darf.
Ich war in eine tragische Verwicklung verstrickt. Sie begann für mich zu existieren am 2. März, sie hat sich gelöst am 4. März. Nichts von dem Früheren hängt damit irgendwie zusammen.
Sie könnten sagen: es wäre zarter von mir, Ihnen die Vorgänge dieser 3 Tage zu verschweigen. Ich habe geschwankt. Aber es darf nicht sein. Sie müssen mich ganz kennen. Mein Herz muß immer und in allem ganz frei vor Ihnen liegen. Und so schäme ich mich nicht, Dir zu bekennen, daß
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| in mir ein Anflug von Untreue war.
Es ist überwunden. Nicht durch mich. Sondern durch Dich. Durch die alles überstrahlende Tiefe und Macht Deiner lieben Seele.
Lesen Die den beiliegenden Brief u. schicken Sie ihn mir sofort wieder. Am 16. März, bei dem ich aus vielen Gründen gern bleiben würde, wenn Sie wollen, mehr. Mein lieber Famulus ist nun auch eingezogen.
In treuer Liebe
Dein
Eduard.