Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. März 1915


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8. März 1915.
Liebe Freundin!
Da muß ich dann doch sagen - aber ich will weiter nichts sagen: ich will bloß dies eine sagen: Man muß Zeit haben. Eine schöne Ferienwoche ist vergangen und nichts Nennenswertes geleistet, als ein Stück praktischer Pädagogik, hier wohl besser: Psychagogik. Wenn es nur hilft. - Ein anderes Resultat ist aber nicht zu unterschätzen: man hat mich im Kuratorium der Frauenhochschule grimmig geärgert; es gab einen Krach, ich ziehe mich von allen Geschäften zurück und bleibe nur noch nominell vorläufig dabei. Das wird meine Hände wesentlich entlasten.
Daß der v. Wieser Ihnen gefällt, freut mich. Ich lese etwas andres von ihm u. finde, daß wir weithin auf denselben Wegen gehen. Was aber geht Sie der Übersetzer des Dostojewski an? Höchstens doch Dostojewski selbst, der ganz anders entscheidet. Mein Gesichtspunkt ist aber ein dritter: es sind eben zwei Lebensformen,
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| entstanden aus zwei echten Lebensnotwendigkeiten.
Hier ist ein Hochwasser jetzt, das sollten Sie sehen, wirklich großartig interessant: mächtige Ströme fließen plötzlich in sonst leeren Betten, der ganze Wald ist ein Sumpf, und die meisten Wege durch ihn sind weder sichtbar noch gangbar.
Bis Du kommst - wie ich hoffe Dienstag 16.III. Abends - wird hoffentlich etwas mehr Frühling sein. Dem Ansehen sehr hübsch, aber gehen kann man da nicht. Was nun die Einrichtung betrifft, so kommt es auf 20 M wirklich nicht an, sondern vor allem doch darauf, daß wir etwas davon haben, also durch Äußeres möglichst wenig gestört werden. Der Teufel sendet nun hier am 15.III. ein neues Mädchen, u. da wird es Frl. Stolze nur lieb sein, wenn ich bisweilen nicht zu Hause esse. Gelegentlich kann Sie's ja machen, wenn es so paßt. Es ist mir aber - unter uns - am liebsten, wenn wir mit ihr wenig zu tun haben. Und was das Zimmer in Privatlogis betrifft, so ist es natürlich in jeder Form u. Art zu haben. Ungestört aber sind wir nur
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| im Hotel; denn die sind großstädtisch, alles andre kleinstädtisch. Wenn nun Hentschel auch ganz gemütlich war wegen seiner Leerheit, so kann man das doch ein bißchen billiger u. vielleicht sogar saubrer haben im Parkhotel, ganz neu, dicht am Hauptbahnhof, wo ein Einheitspreis von 3,50 M pro Zimmer mit Frühstück besteht und der Großbetrieb völlige Freiheit läßt. Wenn ich Abends nicht immer mit hin u. wieder zu mir zurückfahre, so wirst Du's nicht übel nehmen. Wir wollen die Zeit gemeinsam haben, von der wir wirklich etwas haben.
Und ich sehe schon, ich habe dann zunächst so viel Personalia zu erzählen, daß wir zum "System" nur nebenbei kommen werden. Die Lebensbewegung ist eben immer rege und für mich auch ein immer neuer Reiz. In der großen Politik habe ich gänzlich den Faden verloren. Mir kommt das vor wie ein großer Quirl.
Und Cassel? Ja, auch nach Berlin liegt eine dringende Einladung vor, und von heute bis zum Semesterbeginn sind knapp 7 Wochen. Jedenfalls muß ich doch meinen Vater mal besuchen.
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Aber wenn die Seele durch glückliche Kriegsereignisse freier wird, dann wächst auch der Unternehmungsgeist. Ich danke der lieben Tante zunächst durch Dich sehr herzlich für ihre Einladung. Am Willen und der Neigung fehlt es gewiß nicht, aber die bestimmte Entscheidung muß der Zukunft bleiben. Du glaubst garnicht, wie viel unerledigter Kram sich trotzt der stillen Zeiten angehäuft hat, und ich muß mit einem Hilfsfamulus auskommen.
An Hingelmanns könntest Du für mich mitschreiben. Der Neujahrsgruß liegt immer noch unbeantwortet da. Für Hermann, Kurt und Lieze habe ich herzliche Wünsche wie stets!
Wenn wir im Restaurant (Bierlokal!) essen, bekommen wir nach hiesigem Usus Brot auch ohne Marken. Zu Haus ist es schwieriger. Einen kleinen Vorrat mitzubringen wäre wohl recht.
Ausführlich schreibe ich inzwischen kaum, damit ich vorarbeiten kann u. dann frei bin. Aber denken werde ich Deiner an jedem Tage! In treuer Liebe
Dein
Eduard

[Fuß] Bitte Walther meine herzliche Teilnahme auszudrücken. Ich finde die rechten Worte in diesem Fall schwer.
[li. Rand] Ich habe viele schöne Briefe zum Semesterschluß bekommen. Die Wirkung war - nur zu tief!