Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. März 1915 (Leipzig)


[1]
|
Leipzig, den 8. III. 15.
Mein einziges Wesen!
Dein lieber Brief kam wenige Stunden nach Abgang des meinen, dessen Anfang Dir wohl gesagt hat: hier bricht nichts vom Leben zusammen und nichts geht über Menschenkraft.
Dein Freund ist in vielen Dingen ein Kind und ein Strudelkopf, aber so etwa für 1 - 2 Tage. Und auch in solchen Tagen ist sein erster Gedanke immer Du. Und sein zweiter Gedanke: "ehrlich und klar bis auf den Grund." Nichts soll in mir sein, was ich nicht rein vor deinem reinen Auge ausbreiten könnte. Wenn das einmal nicht mehr wäre, dann wäre es schlimm in mir.
Ich habe aus diesen Erlebnissen viel gelernt. Brieflich kannst Du das garnicht ganz verstehen, wenn ich da so das Resultat, soweit es heut da ist, vor Dir bekenne. Aber Du fühlst gewiß die Echtheit meines Bekenntnisses, und die alte Klarheit meines Wesens aus folgender Geschichte.
[2]
|
Es war ein Mann, der keine Liebe brauchte; denn er hatte sie schon. Da wollte es das Schicksal, daß innerhalb eines Mondwechsels zwei Herzen ihm bekannten, daß sie ihn glühend liebten. Und beiden gab er zurück einen Einblick in die letzten Tiefen seiner Seele.
Erst war es die Gattin eines andern, die aus dieser Sehnsucht nach menschlichem Laute zu ihm floh. Und es war eine lange Dämmerstunde in seiner Wohnung zu zweien, und sie tat ihm die letzten Falten ihre Herzens und ihres schicksalsvollen Lebens auf. Er aber fürchtete sich, als ob er etwas hinnähme, was ihm nicht gehörte.
Und wieder war eine Dämmerstunde in seiner Wohnung; da warf sich ihm ein junges, kindliches Blut in die Arme und weinte an seiner Brust. In ihm aber war Mitleid und Vatergefühl und eine Sympathie mit ihrem Kindergesicht. Und dazu eine seltsame Verwirrung.
Das Stürmische war ihm fremd. Und er beschloß, zu warten, und zu forschen, welche Gestalt im Lichte des Tages diese Gaben annehmen würden.
[3]
|
Und wie er so forschte, da wuchs aus dem gefürchteten Geschenk der ersten Liebenden lauter schweres Gold und herrlicher Adel und tiefste, echte Offenbarung. Und wenn sie das Wort "Käthe Hadlich" sagte, so war es wie Andacht und Anbetung, und wenn sie von ihrem Gatten sprach, da war alles reine Treue und tiefste, unlösliche Weibesliebe.
Und wie er die Kinderseele prüfte, da kam lauter lieber Schnack und Unbewußtsein des Abgrunds, an dem sie schwebte. Und allerhand sonst noch, was er bessern mußte.
Ein andrer hätte gesagt: hier will ich verweilen und dort verstoßen. Er aber sagte: hier will ich danken und dort geben - geben auch von dem, was ich dort empfange. Und so kam es, daß er Zeit hatte für die, die den Führer brauchte. Denn zum "Kinderführer" hatte ihn ja nicht nur der Staat bestellt, sondern tiefste innre Bestimmung.
Du aber, über beiden eine Göttin, vernimm die Deutung; die nicht bloß flüchtiger Eindruck, sondern echtes Urteil Deines echten klaren Freundes ist:
[4]
| Ich glaube daran, daß die Frau meines Lieblingsschülers Hofmann,*) [Fuß] *) Was er ist, ist er durch sie. der draußen im Felde ist, Adelheid v. Winterfeld, in der der Adel ihres alten Geschlechts nach langem Unadel seiner Glieder rein und groß hervorbrach, würdig ist, Dich kennen zu lernen. Und fast meine ich, daß Du ihr ein Stück Deiner Freundschaft schenken kannst. Denn an keinen andern Platz würde ich Dich führen, als dahin, wo reiner, ganz großer Seelenadel ist. Dort ist er, und auch Du wirst ihn aus den Stürmen dieses noch suchenden, weil unendlich großen und weiten Gemütes, herausfühlen. Übrigens ist sie Malerin wie Du. Und ihr Organ für mich war ein sichrer edler Sinn.
Ich glaube aber auch, daß Susanne Conrad, die Du nicht sehen wirst, vor Deinem Ohr genannt werden darf, und daß Du es als ein Stück Deiner segensreichen Kräfte empfinden wirst, wenn ich ihr noch in die Ferne hinaus, wohin sie geht, Helfer und mitleidiger Führer sein will.
Mehr habe ich heut nicht zu sagen. Nur noch, daß ich unsäglich reich bin.
Dein
Eduard.