Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. März 1915 (Bahn Berlin/Leipzig)


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Bahn - Berlin - Leipzig, 24.III.15.
6 Uhr 28.
L. F! Heute um 11 Uhr erhielt ich Depesche "Schnell kommen. Vater krank. Paula." Notexamen etc. abgesagt, um 12 Uhr 39 gefahren. [über der Zeile] Ich War absolut ruhig, wenn schon tief erregt. Um 1/2 4 in Ch. Zustand aufgeregt, aber nicht krank, durchaus verhandlungsfähig. Es kam nun doch zu der ganzen harten Scene, die ich vermeiden wollte. Es ist wohl alles gesagt worden. [über der zeile] von mir! Ob irgend etwas im Bewußtsein blieb? Viel Weinen, Flehen und Selbstrechtfertigung. Eingehen auf die Sache lehnte ich streng [über der Zeile] <Wort unleserlich> ab. Was ich trotzdem erfuhr, ist vorläufig*) [Fuß] *) kann aber zu Weiterungen führen belanglos. Davon einmal, wenn es sich besser schreibt. Der Hauptschreckschuß lag wohl in der
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| Forderung der ehrenwörtl. Erklärung. Verbindlichkeiten nach dort bestehen nicht. Wohl aber sind noch 1000 M Schulden da, die mir nicht bekannt sind. Am 4. I. 1909 von einen Herrn V.*) [li. Rand] *) Wie stellt mich das bloß! Die meinen doch: ich gebe nichts!! in Eisenach geliehen, von diesem August 1914 zurückverlangt. Damals erst von Paula 300 M geliehen [über der Zeile] (!!), dann von einem Herrn P bis 27. VIII 1915 (!!) Dabei sprach die Hoffnung mit, den Betrag aus eignen Mitteln decken zu können. So kam heraus, daß doch noch ein Los Lotterie gespielt wird. Da schäumte es nun bei mir über. Ich forderte das Los, habe es und werde vorfinden, daß es auch nur bis zur 5. Klasse weitergespielt wird. - Außerdem habe ich das Bild v. Schwerin aus dem Jahr 1893 verlangt u. zur Vernichtung mitgenommen. Zum Schluß kam noch zu Tage, daß außer dem Frühschoppen u. den 3. Fl. Bier
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| abends zu Hause um 7 noch 1 "Glas Wein" zu 0,50 getrunken wird, d. h. doch 150 M pro Jahr mehr! "Er hätte doch sonst nichts" Ich: Jetzt darum kein Geld.
Ich glaube, daß ich jede Anklage unverhüllt ausgesprochen habe, die berechtigt ist. Vom Sterbenmüssen und Sterbenwollen, wenn ich nicht wieder gut würde (so aus der Tasche raus gleichsam) war viel die Rede. Ich konnte wirklich nicht mehr sagen, als daß ich mit der Zeit alle diese fortgesetzte Verlogenheit (das ist es doch) zu vergessen suchen wollte. Aber es wäre mir (obwohl ich Nachtzeug mithatte) nicht möglich gewesen, auch nur zum Abendessen zu bleiben. Das wollte ich bei Riehls. Die waren aber in Neubab. u. so erreichte ich mit Auto noch diesen Zug. Die Unkosten! (20 M!)
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Von m. Landsturmsache, die "nicht schlafen läßt" war garnicht die Rede. Es ist da irgendwo ein Mangel an Zurechnungsfähigkeit. Er ist immer der Gequälte.
Ich habe ja Mitleid, aber Liebe? Ach, die ist tot. Nur der eine Wunsch: schnell, so schnell wie möglich nach Haus, fort aus dieser Umgebung! Ob die Episode damit zu Ende ist??
Ich kann an dieser Stelle nicht mehr leiden. Es ist als wären da alle Gefühle weggebrannt.
Verzeih noch einmal, daß ich dir so viel Herzleid mache u. schreibe. Reise gut heim und hoffe mit mir auf Tage der Beruhigung, wie ich schon selig sein will, wenn ich nur einmal wieder 2 SW. am Schreibtisch sitzen kann.
Dankbar für alles
Dein
Eduard