Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 28. März 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 28. März 1915.
Liebe Freundin!
Sie haben einmal wieder so tief recht gehabt! Schneller, als ich glaubte, tritt es zu tage. Lesen Sie diesen Brief,*) [re. Rand] *) Bitte umgehend zurück! einen von der Art, die mir am empörendsten ist, weil sie von mir nicht rein und edel denkt.
Das ist mein Lohn! Sie schreibt zusammenhanglos eine Wendung ins Feld, die ich brauchte, um sie zu stärken und zu trösten, die ich auch vor ihm wiederholen würde; denn es ist doch keine Schande, wenn der eine in der Reife, die aus Kämpfen und Leiden entsteht, noch hinter dem andern zurück ist. Aber beachten Sie die Form des Briefes: die Adresse, den korrekten, meisternden Ton - man soll sich eben Studenten und Studentenfrauen als Professor
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| nicht zu nah kommen lassen.
Ich schicke sofort durch Eilboten die 22 Briefe, die den Buchstaben H bei mir füllen halfen, und das Soldatenbild zurück. Bemerkt habe ich nur auf dem Umschlag des enthusiastischen Briefes mit der Liebeserklärung:
"Wenn Ihr Gemahl und Sie die Kraft dazu gehabt hätten, so hätte das alles Wahrheit bleiben können.
28. März 1915
Eduard Spranger.
Nun aber frage ich Sie und Ihr sicheres Gefühl nach folgendem: Soll ich auf den Brief von W. H. schweigen, oder folgendes schreiben:
Sehr geehrter Herr Hofmann!
Wenn mir ein andrer so geschrieben hätte, wie Sie schreiben, hätte ich für immer geschwiegen, weil man auf Herabwürdigendes nicht antwortet. Weil ich Sie lieb habe und Mißverständnissen, die aus
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| Briefen entstehen, Rechnung trage, frage ich Sie hier noch einmal: wollen Sie den Glauben, den ich an Sie, d. h. an den Menschen Hofmann, habe, zerstören?
Unser äußerer Verkehr ist zu Ende. Aber es wäre mir lieb, ohne Enttäuschung an Sie denken zu können.
Hochachtungsvoll ganz ergebenst
E. Sp.
Ihre Antwort erbitte ich telegraphisch, aber als offenes Telegramm, da ich etwas nervös mit Telegrammen bin.
Ich wollte heut ein großes Stück ausarbeiten u. war so voll von Gedanken. Jetzt ist alles wieder unmöglich.
Ja selbst von den andern Sachen kann ich infolgedessen nicht ausführlicher schreiben: In Berlin relative Beruhigung. Wunsch, Ihnen den Vorfall geheim zu halten. Aus Königsberg die Nachricht, daß Vater
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| unverwundet, aber gefangen und noch nicht befreit. Die amtliche Depesche lautet: "Der Brandschaden ist gering, nur das Gut Althof ist völlig niedergebrannt." A. ist ihr Gut. - Mit Greta Haas gestern ganz offene u. Gottlob nicht explosive Aussprache. F. hat ganz langen Brief vergnügt geschrieben, Paket v. Frl. Ingerman bekommen, sonst keinerlei Nachricht ihn erreicht.
Verzeihen Sie, wenn ich heute abbreche. Wie lange meine Nerven diese ständige Erregung aushalten werden, wann ich je wieder zum Denken kommen werde, fraglich! Es ist so schwer, Erfahrungen, die man an diesen Menschen gemacht hat, nicht auf andre zu übertragen. Aber ist es nicht am besten, sich zurückzuziehen und nur durch Katheder und Buch zu wirken? Glauben Sie mir, es ist ein Elend, daß die Frauenspersonen jetzt alle das Studierfieber gekriegt haben.
Haben Sie Nachsicht u. seien Sie innigst gegrüßt!
Ich bleibe - bald mehr -
Dein Eduard.