Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. März 1915


[1]
|
31.III.15.
Liebe Freundin!
Ich danke Ihnen herzlich für Depesche und Brief. Sie haben ja so recht. Aber ich habe doch auch recht: meine langen Stunden, immer willig gegeben aus guter Absicht und ohne jede natürliche Sympathie, werden nun durch einen Affront belohnt. Das Gewagte der Situation hätte ein Blinder sehen müssen. Sie haben ja gehört, wie ich selbst es störend empfand. Da sie aber immer wieder betonte, "gerade um Walthers Willen" müsse es so sein, so nahm ich die Sache in einem hohen und besonderen Sinne. Sie hat mir einmal, übrigens mit höchster Meisterschaft des Erzählens, ein Märchen in der Dämmerung erzählt, das dieses Verhältnis zu dreien symbolisierte und wo der zurückkehrende König in dem Freunde zuletzt auch einen verkappten König erkannte. (Avance
[2]
|ment!
Aus Ihrem Brief lese ich nun aber doch als positiven Rat heraus, garnicht zu schreiben. Ich muß die Sache hinter mich werfen. Daher nur kurz den Rest: Sie war bei mir (s. Karte.) Ich ließ mich verleugnen; schrieb aber den kurzen beiliegenden Brief (bitte zurück.)
Es ist unvermeidlich, daß mein Urteil über Frau H. doch erheblich ins Wanken geraten ist und daß ich mit dem Glauben an sie in die Brüche gekommen bin.
Der Brief, den Sie beilegten, ist rührend, eigentlich sehr wehmütig; aber leider auch eine Anklage gegen die sächsische Schule. Gemüt und Verstand gehören weiß Gott nicht notwendig zusammen.
Von Berlin relative Ruhe.
Ich lebe unter den unerfreulichsten Verhältnissen; suche vergeblich, zu eigentlicher Arbeit zu kommen. Vielmehr stecke ich immer noch in den Aufsätzen für die "Deutsche Schule" die ganz miserabel schlecht werden, und in einer
[3]
| uferlosen Korrespondenz, die ich nie schaffen werde.
Morgen ist nach vielem Telegraphieren wieder eine vertrauliche Frauenhochschulkonferenz mit einer Dame, die eigens dazu von Berlin kommt.
Ich bin müde und unproduktiv. Nachdem die erste Hälfte des Krieges mich nicht zu einem Bewußtsein meiner Stelle und meiner Kraft kommen ließ, wird die zweite mich ganz auslöschen. Ich sehe, daß ich nichts mehr kann und daß mir alles bisher Geschaffene unter den Händen zerrinnt.
Ich danke Dir für Deine treue Hilfe. Hoffentlich ist es mit Deinem Befinden etwas aufwärts gegangen. Ich schreibe bald mehr. Jetzt muß ich zur Abschiedsvisite beim Zahnarzt.
Herzlichst Dein
Eduard.