Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. April 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 1. April 1915.
5 Uhr.
Liebes Kind!
Was ist denn? Warum so telegraphisch? Ich bin ganz aufgeregt. Denn im Moment depeschieren kann ich nicht, weil gleich eine wichtige u. schwierige Konferenz mit einer sozialen Dame aus Berlin, die extra dazu herkommt. Natürlich Frauenhochschule. Wenn es nicht zu spät wird, depeschiere ich nachher.
Natürlich muß ich erst Deinen Brief haben, um ganz urteilen zu können. Aber es ist doch nicht etwa noch der Fall Hofmann, der Dich noch aufregt; der ist für mich erledigt. Ich beklage nur, daß es Dir Sorge gemacht hat; ich bin an solche Komplikationen 2. Ordnung jetzt so gewöhnt, daß ich mich auch nicht wundere, wenn ich morgen mit einer Maus im Munde aufwache. Ich komme, wenn ich Zeit und Ruhe habe, nachher noch darauf zurück, bin aber im Moment zu eilig und zu beunruhigt. So viel ist sicher: wie Du's gemacht hast, so
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| ist es gut. Es liegt ja wohl in meiner Art, den andern, solange er nicht bösartig ist, möglichst sanft, schonend und <Wort unleserlich> zu behandeln. Aber diese Methode war offenbar nicht richtig. Sie hat ja nicht vorwärts geführt, sondern nur diese Verwicklungen hervorgerufen. Er ist nicht ganz so frei von Schuld. Denn er hätte Warnung und Verweis erst an seine Frau richten müssen, ehe er seinen Prof. abkanzelte. Aber ich trag den Verhältnissen in der Feuerlinie Rechnung und schweige still. Du siehst also: wir sind ja ganz einig.
Was nun aber die Ruhe betrifft, so hätten wir jetzt wenig davon. Ich muß mich erst sammeln und setzen, muß in gelingender Arbeit erst wieder Kraft in mir finden, sonst komme ich wieder als so ein Schwierigkeitsknäuel zu Dir, und es war doch in der letzten Zeit gerade genug für Dich.
Dazu kommen andre Gründe: der gleiche Wunsch kommt natürlich auch von Berlin, wahrscheinlich morgen. Wenn ich dann, wie ich entschlossen bin "Nein" sage, so würde man eine Fahrt nach Cassel dort selbstverständlich als Vergnügungsfahrt auffassen. So gebe ich für
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| die Ablehnung den Grund an, der wirklich der entscheidende ist; ich muß arbeiten wie ein Vieh. Denn wenn ich nicht im Sommer die angekündigte Vorlesung halten kann, so ist auch meine Unabkömmlichkeit nur ein fauler Vorwand zum Drücken. Heute Vormittag habe ich eine Stunde angefangen zu arbeiten, aber schon ist die Sammlung wieder fort.
Ferner muß ich wirklich anfangen, zu sparen. Ich habe in den letzten 14 Tagen für Berlin wieder fast 500 M ausgegeben und lebe doch jetzt allein vom Gehalt, resp. vom Kapital.
Endlich bin ich auch physisch so herunter, daß Du an mir keine Freude hättest. Die Bahnen sind überfüllt. Kurz, wenn nicht Gründe vorliegen, die ich nicht kenne, dann laß uns die Reise verschieben, bis sie unter besseren Zeiten erfolgen kann.
Meine Konferenzdame ist noch nicht da. Also noch ein Wort ad Hofmann: Ich glaube nicht, daß man immer und überall nur die normale Regel befolgen soll. Es gibt Naturen, die eine besondere Form der Lebensgestaltung fordern und vertragen. Frau H. habe ich für eine solche gehalten. Sie ist es - wie ich nachträglich sehe - leider
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| noch nicht. Du hast sie richtiger behandelt. Sie war auch gleich davon betroffen, als Du ihr sagtest: das geht nicht. Hätte ich von vornherein auch so gesagt, hätte ich uns allen viel Zeit und Aufregung gespart. Ihr Vertrauen, bei mir ein Verständnis über das Durchschnittliche hinaus zu finden, wollte ich aber nicht enttäuschen. Was ich ihr gesagt habe, kann bis zum letzten Wort gedruckt werden, Auch für ihn. Ich habe auch bei ihr nicht eigentlich innere Untreue bemerkt. Dann hätte ich selbstverständlich abgeschnitten. Er wußte ja alles.
Na nu also Schwamm drüber. Dieser Brief ist eilig und konfus. Bitte also ja nicht jedes Wort auf die Wagschale legen. Sondern nimm ihn als Ganzes, d. h. als Ausdruck der beinahe völlig eingetretenen Beruhigung. Wenn mir das Schicksal mal wieder Stille schenkt, daß sich meine Kraft von innen entfalten kann, dann wird es ja auch mal wieder glatt gehen. Dazu gehört aber auch, daß Du die Ruhe bewahrst. Die Knoten in unserem Faden waren ja schon größer. Aber wir verstehen uns doch, und ich finde es nicht recht, daß Du so ängstlich fragst, ob Deine Art die rechte war. Das ist Nachwirkung der beiden Wintervorträge. Sie sollen aber nicht nachwirken, sonst sind sie <li. Rand> ja wie die verhängnisvolle Gabel. Also ruhig Blut, ja? In Liebe wie stets
Dein Eduard.