Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2. April 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 2. April 1915.
Meine innig geliebte Freundin!
In Dir ist "Kraft und Klarheit". Also mußt Du auch fühlen, daß ich Zeit brauche, um in mir wieder zur Ruhe zu kommen. Wie soll ich nur eine einzige klare Empfindung haben, wenn beständig meine Seele im Wirbel gehalten wird? Haben die Menschen jetzt gar kein Gefühl mehr dafür, daß alles Tiefe nur langsam wächst?
Auch Deine Lösung kann nicht reif sein. Hüten wir uns vor dem Sprechen über etwas, das wir beide nur nebelhaft sehen. "Du wärst es mir und Dir schuldig" - das ist ein bitteres Wort: von dieser Seite haben wir sonst nicht gehandelt. Wenn ich zu Dir in
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| Dingen offen war, wo "man" es vielleicht sonst nicht ist, so empfand ich dabei nicht, daß ich es Dir "schuldig" wäre. Sondern es war mir eine Selbstverständlichkeit zwischen uns. Wenn ich Dir Leid bereitete - ich habe auch darunter gelitten, wie hätte es anders sein sollen? Aber es war doch Schicksal, nicht Schuld.
Ich werde in allem weiter zu Dir offen sein. Der Fluch meiner Familie war die Unwahrhaftigkeit. Erwarte also, daß ich es eher über das Maß bin als darunter. Aber verlange nicht eine Offenheit über etwas, das mir selbst völlig dunkel ist: ich sehe eine schreckliche Gefahr für uns beide in diesem Überhasten; wir würden etwas Heiliges zwischen uns zerstören.
Deshalb kann ich den Weg nicht gehen, der Dir jetzt der richtige scheint. Ich brauche Sammlung, oder mein Charakter geht an diesen Stürmen zugrunde.
Aber was Du mich fragst, will ich alles klar und frei beantworten.
Es ist wohl das Schwerste, was je von
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| uns gefordert wurde. Es geht über alles, was der Mensch noch mit bewußter Hand führen kann. Ich kann Dich nicht andres bitten als "Hab Vertrauen". Glaube, daß der Inhalt von 12 Jahren durch den unklaren Sturm eines Märzmonats nicht hinweggeweht werden kann. Aber gib mir auch Zeit, daß sich alles in mir gestalte. Es war doch sonst so zwischen uns.
Könnte ich Dir helfen durch mein Kommen, so käme ich. Aber das ist ganz falsch gedacht: was Du mir sagen würdest, wäre in seiner edlen Größe doch zur Unzeit. Deshalb noch einmal: vertraue mir, daß ich, wenn ich erst wieder mich selbst verstehe, auch Kraft geben werde, und geh nicht von mir!
Was soll ich von Ostern sagen? Die Welt ist nicht mehr dieselbe. Und jenes Lämpchen der Gewißheit im Innersten wehrt sich mühsam gegen den Sturm.
In tiefem Verstehen
Dein
Eduard.

Darf ich weiter offen sein?