Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 2./3. April 1915 (Leipzig)


[1]
|
Ostersonnabend 1915 spät.
Meine einzige und innig geliebte Freundin!
Wegen der verspäteten Antwort glaube ich durch äußere Umstände gerechtfertigt zu sein. Auch wenn Zeit gewesen wäre, hätte ich mich telegraphisch garnicht ausdrücken können. Und überhaupt ist Eile in diesem Fall weder nötig noch segensreich, sondern im Gegenteil eine innere Reifung die, wie im August, bei mir viel langsamer, diesmal noch unendlich viel langsamer gehen muß als bei Dir.
Gewiß ist ja eine briefliche Aussprache sehr schwer, aber nur aus Gründen, die auch bei einer mündlichen obwalten würden. Denn ich fürchte bei jeder Wahl des Wortes, umzart zu berühren, was ich doch nur mit frommer Scheu besitze und betrachte. Die ganze Heiligkeit unsrer Beziehungen ist in mir gegenwärtig, wenn ich trotzdem versuche, mit der Klarheit,
[2]
| die ich heute haben kann, folgendes auszusprechen.
Mein geistiges und seelisches Leben hat in Dir seine Erfüllung gefunden. Ich habe nach dieser Richtung das Tiefste empfangen, ich habe das Tiefste gegeben. Was das zwischen uns ist, das wird kein Auge je sehen und verstehen. Aber auch die Geschichte, wenn sie je von mir Notiz nehmen sollte, wird sagen müssen, daß das Beste in mir Dein Werk war. Ein Mensch, der dies empfindet, konnte jetzt nicht nach Cassel kommen, weil dort im Moment vielleicht diese Wahrheit nicht ganz so stark war, wie sie ist, wenn wir ganz fern von Stürmen sind. Ich gehe meinen Lebensweg nicht blind. Ich muß Dich hier an ein Wort erinnern, daß ich mit vollem Bewußtsein schon 1906 aussprach, an einer Stelle, die durch eine fatale Nebenbeziehung Dir nicht lieb werden konnte. Diese Nebenbeziehung hatte und hat aber nichts mit meinem Leben zu tun. Deshalb laß Dich lieber an Iphigenie erinnern und wie Orest zu ihr, d. h. Frau von Stein stand, obwohl
[3]
| Du reiner, edler und tiefer bist als diese Frau und alles weitere deshalb wieder dumme Nebenbeziehungen enthält.
Es wird mir schwer, von hier auf etwas andres überzugehen. Aber es muß wohl sein. Vorher laß mich noch meiner Mutter gedenken, die Dich kannte und liebte.
S. ist in mein Leben getreten als ein Kind. Ich habe Dir alles so gesagt, wie es verlief. Ob Dein Bild davon ganz deutlich werden konnte, ist ja fraglich. Du kennst meine Liebe zu Kindern. Du hast selbst an der Neigung teilgenommen, die ich zu der Schar meiner Schülerinnen hatte. - Sie konnte aber, auch wenn andre Schicksale gekommen wären, in der geistigen Berührung mit mir nicht Kind bleiben. Sie wuchs in den ersten Tagen, zu meiner tragischen Verwicklung, bis zu einen Standplatz, der sie erst für mich vorhanden macht. Es ist in ihr die Kraft zu allem was ich will.
Von hier an beginnt meine Schuld. Als ich am 5. März nach jener schrecklich tragischen Szene 2 Minuten aus dem Zimmer ging und
[4]
| dann wiederkam, fand ich sie trostlos weinend, wie ich nie einen Menschen sah, an meinem Fenster. Da faßte mich das Mitleid, das in mir so stark ist, und ich habe eine Woche lang Mitleid geübt. Sie konnte mir ja noch nichts geben, sie konnte nur empfangen. Und es [über der zeile] ist in ihr alles so einfach: "Hier hast Du meine ganze Liebe, ich habe weiter nichts zu geben."
Von jetzt an muß ich von mir reden. Unterschätze nicht die Gefahr, die im Mitleid liegt! Die realen Schicksale haben gewollt, daß ich als fühlender Mensch nur immer mehr davon geben mußte. Und je mehr ich gab, um so mehr reifte sie. Jeder Brief sagt ihr von neuem: Hier ist die Grenze, an sie darfst Du nicht heran. Und sie war zufrieden mit dieser Grenze. Aber wann hätten weibliche Seelen ohne Erfahrung schwerer Kämpfe je ein volles Bewußtsein von der Schwere dieser Grenze gehabt?
Ich stehe nicht zum ersten Mal vor solchen Erlebnissen. Du kennst sie ja alle. Gute, warme Freundschaften von bleibenden echten Gehalt sind daraus gefolgt. Nur eine habe ich im ersten Anlauf schroff von mir gestoßen.
[5]
|
Was ist das Besondere an diesem Fall? Der Krieg zunächst. Sodann die große Gefahr einer absoluten Folgsamkeit. Darf ich noch weiter frei sprechen? Er wird immer schwerer, ich finde das rechte Wort nicht mehr, sondern nur das Herbe: So wie heute alles liegt, ist da - ich lege dieses Wort vertrauensvoll an Deinen Busen - die Gefahr von etwas Morganatischem.
Aber es muß frei heraus: Zwei Wege gibt es für mich: entweder ist meine Bestimmung rein geistig; dann habe ich, was der Mensch durch höchste Seelengemeinschaft besitzen soll. So war es meine Vorstellung, ehe die Ereignisse etwas anders hinein brachten. Oder es soll in mein Leben etwas hineintreten, was die Größten meiner Bestimmung nicht gehabt haben. Etwas, das täglich den Kaffeetisch deckt. Das könnte auch etwas Liebes, Treues und Ganzes sein. Aber nicht mehr mein entscheidendes Schicksal; das habe ich nicht mehr zu vergeben. Keine Maria,
[6]
| wenn sie herabstiege, könnte das heut mehr bewirken. Das steht ganz über Menschenwollen. Das liegt einfach im falschen Lebenssinn.
Genug! Ich trage die Verantwortung für drei Menschenschicksale. Du fühlst, es ist mir damit viel auferlegt. Aber es steht garnicht in Deiner Macht, mir das abzunehmen. Ja, in Dir liegt sogar, weil Du die edelste unter den Dreien bist, die größte Gefahr einer zu himmlischen Lösung.
Als armer Mensch leide ich darunter. Als Gestalter und als Gläubiger gegenüber dem Lebenssinn bin ich gewiß, daß ich das Echte finden werde, was alles in seinen wahren Wert unberührt läßt. Aber nicht heut. Vielleicht noch nicht in Monaten. Hier muß die Vorsehung walten. Und ich bitte Dich nur, an dieser Vorsehung teilzunehmen, anders als Du denkst, d. h. nicht durch ein Opfer - ich liebe das Opfern nicht, weil es dem wahren vollen Sinn des Lebens nicht gerecht
[7]
| wird, sondern durch Bewahrung meines besten Selbst.
Ich schließe für heut und fühle mich Dir näher als je.

Ostersonntag Abend.
Ich fahre in dieser schwierigen Analyse fort, obwohl die schlechte Beleuchtung abendliches Schreiben auf die Dauer sehr erschwert.
Indem ich noch einmal lese und mich prüfe, ob alles ganz wahr und rein gesagt ist, finde ich, daß "bloßes Mitleid" die Sache nicht mehr zutreffend ausdrückt. Es ist da auch eine Affinität zu gewissen Neigungen in mir: nämlich Mut, ganz klare sichere Kürze in Sachen, die uns verwickelt scheinen, und ein grenzenloses Vertrauen in mich verbunden mit jedem Opferwillen. Es liegt im Gang der Dinge, daß sich Achtung im vollen Sinn erst einstellte bei mir, weil ja alles so verkehrt herum anfing. Und doch gehörte auch das wieder zu ihrer Natur - Hofmann die Zweite, nur ohne alle innere Komplikation. Nun habe ich sie genug seziert. Sie mag es mir verzeihen. Meine Art, Menschen zu sehen ist nie ohne Liebe, auch wenn ich sie analysiere.
[8]
|
Deine lieben Frühlingsblümchen kamen leider erst Sonnabend etwas verdurstet hier an. Sie haben sich aber sehr gut erholt und taten mir doppelt wohl, weil ich ihre Sprache verstand.
Es ist weiß Gott ein Opfer, zunächst an m. Wissenschaft, wenn ich auf Cassel verzichtete und die einsamen Ostertage hier vorzog. Gestern war ich allein in Knauthain, unterwegs stark arbeitend, so daß die Umrisse der Sommervorlesung in mir entstanden. Heute Mittag war ich bei Günthers (Du weißt, den weiblichen Angehörigen des Lausegünther), und abends im Restaurant. Sonst war das Wetter zu schlecht. Ich habe viel gearbeitet, meist Jellinek, dessen scharfes juristisches Denken ich in meine Sprache umsetzen muß, was im ganzen gut gelingt, obwohl ich wirklich nicht eben frisch bin. Morgen Mittag werde ich bei Biermanns sein. Was ich sonst noch tue, ist Erledigung einer maßlosen Korrespondenz.
Meine Hauptarbeit besteht also darin, das Gewebe der modernen Kultur aufzudröseln. Wenn sie gelingt, darf nichts übrig bleiben, was nicht auf einer der 6 Hauptmotive zurückzuführen wäre, die ich ganz einfach auch so darstellen
[9]
| kann:
<Zeichnung: Sechseck mit 2 gestrichelten Dreiecken u. einer Senkrechten innen, die manche Ecken miteinander verbinden und außen mit Beschriftung an allen Ecken>

Erkenntnis.

Macht über Dinge
(Technik-Wirtsch.)

Liebe zum Leben d. Dinge
(Kunst.)

Macht über Menschen
(Gipfel: Staatssouveränität.)

Liebe zu Menschen.
(System des Helfens.)

Religion
(Totaldeutung des Lebenssinnes,
soweit er angeeignet wird.
Überall wo Linien sind, bestehen auch Zwischenstufen. Die herausschneidenden Figuren sind spezifischen Kulturgebilde.
Vielleicht verfahre ich nun so:
1) Methodischer Grundgedanke: Philosophie ist keine Entwicklung aus bloßen Erkenntnisformen, sondern aus Lebensbegriffen. Sie zerfallen in 6 Hauptgruppen s. o.
2) Jede dieser Lebensbeziehungen ist im Individuum präsent. Nur dadurch wird das überlegene Ganze verständlich.
[10]
|
3) in begrifflicher Konstruktion ergeben sich 6 abstrakte Individuen mit einseitigen 6 Grundzielen:
reine Erkenntnis
höchste Herrschaft über Güter.
höchste Macht.
höchste Liebe
etc.
4) Sittlich sind, abstrakt genommen, alle, d. h. kein Motiv darf fehlen.
5) Bei abnehmender Abstraktion besteht Sittlichkeit in dem Koordinieren aller Motive bis zur Totalität (Sittlichkeit - Religion.)
II Analyse der heutigen Kulturgebilde.
A. Staat. (B. Wirt Gesellsch. C. Wirtsch.)
1) sein Gipfel: das Machtmotiv
[li. neben 2)] der sittliche Macht- u. Rechtsstaat.
2) aber eingeschränkt durch Koordinative der anderen Motive:
a) Geltenlassen d. andern, d. h. d. Staaten u. Individuen.
b) Aufnahme ökonomischer Zwecke.
c) Regelung des Lebens in Formeiner Gesetzlichkeit, die alsBegriffskonstruktion die Naturgesetzlichkeit als Normen
[11]
| imitiert.
a + b + c = Recht.
oft religiös sanktioniert.
Ähnlich bei B u. C.
III. Rückübertragung auf das Bewußtsein des Individuums:
Immanenz dieser Kulturgebilde im Individuum als nationaler Machtwille, als Rechtswille, als Selbstverzicht aus christl. ethischem Motiv etc.
So ungefähr.
Ich muß heute wohl schließen.
Aber noch einmal danke ich Dir für die restlos echte und tiefe Gesinnung, mit der Du an meinem Leben teilnimmst - ein schlechter Ausdruck, denn es ist und bleibt unlösbar verschmolzen mit Deinem.
Stets Dein
Eduard.