Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 11. April 1915 (Leipzig Hauptbahnhof, Postkarte)


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Hauptbahnhof 11. IV. 15 6 Uhr (heut vor 2 Jahren!)
L.F! - Nachdem ich bis jetzt durchgearbeitet habe, gehe ich planlos durch die Stadt u. benutze diese Schreibgelegenheit zu einem Gruß. Ich glaube, dieser Monat ist der schwerste in milit. Hinsicht seit Kriegsbeginn. Auch pol. - Meine Historiker sind zum ersten Mal sehr ernst. Da ist so ein stiller Sonntag voll von schweren Gedanken.
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| Bis 35 J. ist hier eing. - Ich habe gestern mit den wichtigsten Punkt vergessen: Am Donnerstag war Arnold Ruge bei mir. Ich war aber den ganzen Tag fort, weil bei mir großes Reinemachen war. Sonst sind die Tage ziemlich gleichförmig. Besuch kommt nur noch, wenn ich gerade esse. Am Dienstag muß ich die Bibliothek revidieren. - Mein alter Lehrer Prof. Neubauer ist gestorben. - Der frühere Referent für d. preuß. Volksschulen u. Seminare hat mich in Charl. aufgesucht - aus alter Liebe oder will er etwas? - Es ist rasend schwer, jetzt zu arbeiten, als ob es in der Welt außer Semester nichts gäbe. Ich wende alle Energie auf, es ist schon eine Art Nihilismus. Schließlich: biegen oder brechen, unter diesem Druck kann die Welt nicht lange existieren. Ich denke, daß wir am Ende des Monats, auch über die individuelle Bestimmung, schon klarer sehen. In unablässigem Gedenken u. mit innigem Gruß Ed.