Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. April 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel>
Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14
14.4.15.
Liebe Freundin!
Man soll zwar im Zustand starker nervöser Spannung eigentlich nichts Grundlegendes schreiben, aber es ist in mir ein so starkes Gefühl entscheidender Wandlungen, daß ich Dir eben schreiben muß.
Wenn ich das Ergebnis der mannigfachen Erlebnisse in den letzten 6 Wochen ziehe, so ist leider Wahrheit, daß sie mir positiv eigentlich nichts gegeben haben, keine neue produktive Einsicht oder Aussicht. Um so mehr negativ: ich habe an all diesen Schicksalen als das eine Identische erkannt, daß das Heraustreten aus mir selbst, das Eröffnen meiner Seele, nicht der mir gemäße Weg ist. Immer wieder enttäuscht, oft auch zurückgestoßen, suche ich vergebens nach dem, was ich dabei empfangen hätte. Seit ich in Leipzig bin, habe ich Zeiten stiller
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| Sammlung in mir selbst immer nur mit Mühe den zerstreuenden Anforderungen meiner Wirksamkeit und Umgebung abgestohlen. Aber was ich bin und leiste, war schließlich und wesentlich das Werk einer stillen Selbstentwicklung und einer aufmerksamen Beobachtung des Lebens aus einer gewissen, dem Denken unvermeidlichen Form.
Es ist begreiflich, daß der Krieg noch stärker als der Beruf mich in dieser meiner Grundbestimmung erschüttert hat. Die Kämpfe auch nach dieser Seite waren sehr schwer. Aber alles zusammengenommen sehe ich nun dies: Ich werde nur vorwärtskommen, wenn ich für mich die stoische Abschließung fortsetze, die deshalb noch nicht das allgemeine Lebensideal zu sein braucht, das ich kenne und bekomme.
Was ich Dir sagte, als Du kamst, ist gewiß bleibend mehr: ich komme mit dieser zersplitternden Fülle von menschlichen
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| Beziehungen nicht mehr vorwärts. Sie macht mich unfrei, reibt mich auf und schafft doch nicht eigentlich das, was ich schaffen könnte.
Ich will auch einmal von meinem Wirklichkeitssinn reden, denn jeder hat seinen eignen, und ich ehre die andern, ja ich liebe ihren Sinn. Aber ich bin immer in die Irre gegangen, wenn ich davon etwas in mich aufgenommen habe. Ich werde wohl mich meiner eignen Unbestechlichkeit anvertrauen müssen.
So ist es schon in der Wissenschaft: nur selten habe ich von andern (aus fremden Büchern) im Grundsätzlichen viel lernen können. Mein Weg, mag er nun eng oder weit sein, ist eben ein besonderer.
Wir lassen uns gerade jetzt zu viel von dem beeinflussen, was sonst die Regel war und wie man in ähnlichen Situationen sich verhielt. Jeder Universitätsprofessor möchte heut ein zweiter Fichte sein. Die produktive Kraft dazu hat kaum einer. Lauter willkürliche Phan
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|tasien kommen zu Tage, wenig echtes Verständnis der Zeit und des Lebens.
Demgegenüber fühle ich jetzt: wenn meine Bestimmung in der denkenden Gestaltung des Lebens liegt, so kann ich eben weder Soldat sein wollen, noch Volksredner, noch sonst was. Sondern ich werde bei dem stillen Beobachten bleiben müssen, das zunächst einmal zur Realistik der Auffassung führt (hierin differieren auch wir: Macht ist für mich zunächst ein wirklicher Faktor des Lebens, noch nichts Ethisches.) Das Ethische kann erst aufgebaut werden auf realistischer Kenntnis der wirklichen Lebenskräfte. Und an diesem Gewebe will ich nun weiter weben, mit solchem ausschließlichen Ernst und Glauben, als wenn der Krieg nicht wäre. Sollte er mich - was nicht ausgeschlossen ist, im Juni doch noch herausreißen, so will ich das als ein Fatum nehmen, das dann eben neue Entschlüsse und neue Einstellungen fordert. Aber bis dahin folge ich der Linie meines Lebens, die mir innerlich vorgezeichnet ist. Sonst wird aus allem nur Halbes oder Unglückliches.
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Allerdings bin ich durch alles Vorangegangene sehr verbraucht. Viel Produktion kann ich deshalb in der nächsten Zeit nicht von mir erhoffen. Aber schon der Entschluß, das Eine zu wollen, wird mir neue Kräfte geben.
Es ist heut eine wahnsinnige Unruhe im Hause, soeben klingelt es seit früh zum 20. Mal. Diesmal - Gottlob - ist es ein Paketchen von Dir, das ich mal erst öffnen will.
Ich finde unter reizenden veilchenartigen Blumen ein pinselähnliches Gebilde und lobe die Symbolik, zumal der Pinsel hohl ist und mit Wasser gefüllt werden kann. Ich danke herzlichst für beides und will mal sehen, ob mir der das Lecken abgewöhnt.
Ich bin so abgespannt schon heute Vorm., daß ich nicht weiter schreiben kann, und schließe deshalb mit all den treuen Gefühlen, die Du kennst.
Stets
Dein
Eduard.