Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 20. April 1915 (Postkarte)


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L.F! Als ich heute Morgen das von der Harmonie las, war ich zuerst über diese Findigkeit verblüfft, aber leider war es zuletzt doch nur ein Bluff - oder eine Anemone, ein Windblümchen. Das soll Sie aber nicht abschrecken. Denn in m. Versuchen stecken noch viel mehr Bluffs u. Windblümchen, ehe daraus feste Gebilde werden. - 1 Std. nach Ihrem Brief fällt mir zufällig ein Aufsatz in die Hände v. Broder Christiansen: "Das ästhet. Urphänomen". Ich natürlich gierig. Was behauptet der nun? - Ästh. Urph. ist die Spannung! Rouge et noir! - Harmonie geht deshalb nicht, weil darin kein Verhalten eines Subjektes zu einem Objekt liegt, sondern entweder nur ein Zustand des Subj. oder [über der Zeile] (?) ein Zustand des Objekts. Ich schlage deshalb vor: formende Einfühlung, insofern Subjekt u. Objekt hier eines werden, jedoch so daß a) das Gefühlsmoment den Ton gibt b) die Einheit des erlebenden Subjekts immer dem
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| Objekt aufgeprägt wird. Das letztere ist wohl das Rätsel, aber eben das, was auch Sie mit "Harmonie" als wesentlich betreten. Nur ist d. Hermannschlacht eigentlich keine Harmonie, sondern ein (selbstgeschaffenes) Objekt, in das die schaffende Seele sich hineingefühlt hat, dem sie aber zugleich eine gewisse Begrenztheit u. Einheit gegeben hat. Bei dem Sechseck ist noch folgendes zu beachten: Wo die Umrißlinien sind, entstehen trübe, gefährl. Mischformen. Nur Querlinien erzeugen
<Zeichnung: Sechseck, pro Ecke beschriftet (s.u.), innen mit 2 schräg nach unten verlaufenden Pfeilen>
Wiss.
      Ges.           Kunst
      Macht         Wirtsch.
Rel.
Neues. Die beiden Pfeile zeigen, daß da nur eine Richtung ist: Kunst übt Macht, aber nicht umgekehrt.
Ihren Brief habe ich erhalten, auf Ehre! Hzl. Dank.