Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. April 1915 (Leipzig, Kartenbrief)


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23. IV.15. Liebe Freundin! Eben war die erste Sprechstunde, ziemlich früh im Semester. Zum Seminar haben sich bis jetzt 24 angemeldet; darunter 12 Damen. Der Gesamterfolg ist recht gut, ja über Erwarten. Aber die männliche Majorität ist etwas schwach; gottlob, daß ich keine Dozentin bin! - Ich wollte eigentlich gestern schon von Weißenfels schreiben. Da nämlich jetzt der Dienst doch wieder beginnt, dachte ich mir einen Ausflug von W. nach Goseck zu gestatten, kam wegen der ungünstigen Zugverbindungen nicht ganz bis hin. Doch war die Landschaft sehr schön. Nur kann ich solche Versuche nicht wiederholen. Die Stimmung gestattet es einfach nicht; ich muß vielmehr dauernd in Tätigkeit bleiben. Das allgemeine Elend drückt mir viel stärker auf die Seele, als es bei denen im Felde sein kann. Der Registrator ist nun auch ins Feld, er vermutete: nach den Karpaten: übhpt sind bedeutende Truppentransporte nach Osten, was mich überrascht, da man dort jetzt eigentlich nichts erwartete. - Ich habe gestern nach der Heimkehr u. heute Vorm. eine Abhandlung geschrieben, die ich vielleicht nenne: "Fichte und wir", die aber im Grunde über den Begriff der Organisation handelt u. einen ersten Versuch zur konkreten Anwendung meiner Grundgedanken darstellt. Zum Druck ist sie (wegen fehlender Einheit, vielleicht nicht geeignet. Aber sie hat einige gute Formulierungen. Wenn möglich, schicke ich sie einmal auf 1 Tag zur Ansicht. Hier nur noch herzl. Gruß Dein Eduard.

Wegen Italien war ich laut Zeitung in Sorge, bin aber durch gestr. Telegramm aus Rom beruhigt. Es steht jedenfalls nicht schlechter als März. Fortsetzung außen.
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| Sonnabend u. Sonntag sind Staatsexamina. Am 27.IV. schreibe [darüber] fahre ich wohl doch nicht nach Klösterli, weil Riehl noch in Bozen ist. Am 29. IV. beginne ich die Vorlesungen, die im Anfang relativ leicht sind. Ich bin aber nicht imstande, auf lange hinaus etwas vorzuarbeiten. Hoffe auch (da nur 3 Std.) Zeit zu behalten, um v. Stde zu Stde die Sache nicht nur vorzubereiten, sondern auch in den Formeln festzulegen.
- Hier schneit u. regnet es den ganzen Tag. Wie andres vorm Jahr!! Haben wir nicht eine Lebensform dazulernen müssen?
Der Innerliche.