Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. April 1915 (Universität Leipzig)


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26.IV.15.
<Stempel:>
KGL. PHILOSOPHISCH-
PAEDAGOGISCHES
SEMINAR
UNIVERSITÄT LEIPZIG
Liebe Freundin!
In diesem königl. Institut ist, wie ich konstatieren muß, weder Briefbogen noch brauchbare Feder vorhanden. Ich muß aber diese Freistunde zu einem ausführlichen Brief benutzen, wennschon ich annehme, daß Sie bei Ihrem lieben Besuch kaum Zeit zu so langer Lektüre finden. Ich wünsche Ihnen vor allem hierfür von Herzen einen guten Genius, wie er zuletzt über unserm Zusammensein äußerlich leider nicht weilte, und beginne mit den Tagesfragen.
1) Die dtsch. -oesterr. Offiziere sind eine speziell Casseler Ente. Hier hat man davon nichts gelesen, außerdem ist die Auswahl so groß, daß es nicht eben Friedmann gewesen zu sein braucht.
2) Die Nachrichten aus Berlin lauten normal. Doch ist mein Onkel krank, angeblich Lungenentzündung. Ich bin in Sorge, denn er machte mir schon lange nicht den Eindruck großer Widerstandskraft.
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3) Riehl ist in Gries bei Bozen und kommt erst nach seinem Geburtstag zurück; deshalb fahre ich auch morgen nicht, wie geplant, nach Berlin, sondern steige ohne weitere Vorreden ins Semester.
4) Ihre jetzigen Briefbogen kosten, wenn Sie 2 einlegen, 20 Pf. Strafporto. Ich gäbe gern das 10fache dafür, es ist aber nicht rationell.
5) Auf die Antwort von Dr. Hoffmann und Ihre Entschließungen bin ich neugierig. Ich empfehle Ihnen nochmals unser vortrefflich angerichtetes Institut.
6) Ihre Liebesgabentätigkeit gefällt mir sehr. Erlauben Sie mir, Anfang nächsten Monats eine ganze Kleinigkeit dazu beizusteuern, da ich zu unpraktisch bin und zu wenig Zeit habe, um es selbst zu besorgen.
7) Gestern war der gute Morgner bei mir und wir gingen zusammen nach Knauthain, saßen sogar im Freien. Der Historikerabend ist am Einschlafen. Herre, der ideelle Mittelpunkt, wird in 8 Tagen (wie sehr viele Kollegen) eingezogen. Wir werden unsre "Gerüchte" anderswärts beziehen müssen, denn viel mehr wissen die Herren ja auch nicht.
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8) S. Conrad ist von ihrem Vater ohne jede Nachricht, hat in Memel die Trümmer ihres Gutes besucht u. studiert jetzt in Breslau, wo allerdings schon in guten Tagen nicht viel zu haben ist.
9) Ich beginne jetzt m. Tätigkeit für die auf Wunsch des Fürsten Bülow in Rom einzurichtende deutsche Bibliothek. Allerdings wundert mich, daß er jetzt so weitschichtige Pläne hat.
Gestern Abend habe ich 2 Stunden lang mit größter Anstrengung noch einmal das Grundschema daraufhin durchdacht, ob es sich vielleicht auf einfachere Grundbedingungen zurückführen läßt. Aber schon unser Sechseck ist eine Gefahr. Ja ich bin bei diesem gänzlich resultatlosen Bemühen zu der Einsicht gekommen, daß ich durch ein solches Rationalisieren alles verderben kann. Vielmehr ist die wichtigste Einsicht, daß es sich hier überhaupt nicht um logische Begriffspaare oder Dreiheiten handelt (nicht mal Subjekt, Ding, Menschen, oder Gestalten und Empfangen, oder Wille, Gefühl, Verstand oder sonst etwas von den 1000 Möglichkeiten, die mir durch den Kopf gegangen sind.) Sondern die er
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|staunliche Fruchtbarkeit der 6 Hauptpunkte beruht gerade darauf, daß sie die nun einmal im Leben enthaltenen Grundrichtungen (wer will sagen: warum enthaltenen?) vollständig ausdrücken. Ich bin daher mit ganzer Energie auf den Weg zurückgekommen, auf dem ich die 6 Schemata tatkräftig gefunden habe. Dieser aber war, wie Du wohl noch weißt (Reichenau, l. Abend) folgender:
Der Mensch lernt sich aus sich selbst (Analyse des Subjekts) nicht genügend kennen. Wohl aber zeigt die heutige Kultur als Produkt einer langen Entwicklung alle die Seiten in vergrößerten Maßstabe, die im Leben des Subjekts angelegt sind und wirken, und zwar in der Form von Kulturgebilden, die zu einer relativen Selbständigkeit gegeneinander gelangt sind, ja z. T. Gegenstand getrennter wiss. Untersuchungen sind. Die Erfahrung lehrt, daß den 6 Kreisen der Kultur: Wissenschaft Kunst, Religion, Staat, Gesellschaft Wirtschaft - im Menschen fundamentale Triebe oder Grundrichtungen oder Prinzipien oder Bänder entsprechen. Es ist durchaus falsch, dies aus Begriffen a priori ableiten zu wollen. Denn wie will man es etwa logisch deduktiv begründen, daß er nur durch Essen am Leben
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| bleiben kann oder sich nur durch Paarung fortpflanzt, daß er eine Phantasie hat, mit der er die Dinge umgestaltet, und daß er über der räumlich-zeitlichen Welt noch eine innere Welt der Gewißheit kommt, in die das Ethisch-Religiöse, aber auch die Theorie hineinfällt. Das ist eben nicht ableitbar, sonst wäre ja auch die ganze Historie unnötig, um zum Verständnis der Kultur zu gelangen.
Dieser Standpunkt, über den ich Deine Ansicht erbitte, schließt aber nun nicht aus, daß man für jedes dieser Gebiete eine spezifische Grundcharakteristik führt. Nur liegt deren Leistung wieder nicht darin, daß sie These u. Antithese enthält, sondern in der Beschreibung eines spezifischen Zustandes oder einer spezifischen Funktion, die man nur aus dem Leben selber kennt. Das Leben wird hier zum Begriff geformt, der Begriff aber formt u. bestimmt nicht das Leben. Im allgemeinen weiß der kritischere Mensch ganz gut, wann er religiös gestimmt ist u. wann nur ästhetisch oder wann theoretisch. Diese Erlebnisse haben eine gewisse unmittelbar empfundenen "Gestaltqualität". (ein Ausdruck, den die Psychologie schon zur Charakteristik viel einfacherer
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| seelischer Inhalte zu Hilfe nehmen muß.)
Jede dieser Erlebnisgestalten hat eine gewisse Breite oder Zone, hat vielleicht - wie das Ästhetische jeden Religiösen oder das Religiöse zum Wissenschaftlichen - ganz unmerkliche Übergänge. So kann z. B. das Soziale sich bewegen zwischen dem grenzenlosen Altruismus u. dem Gegenseitigkeitsstandpunkt, der schon nahe am Politischen liegt. Das Politische geht von dem rohen physischen Zwang bis zu der Macht über Seelen, die aus geistiger (ethischer) Überlegenheit folgt. Das Ästhetische hat auch seine Zone - von der subjektiven lyrisierenden Ausdruckskunst bis zum Objektivismus, der schon fast wissenschaftliche Analyse ist.
Das Problem verschiebt sich für mich nach einer andern Seite hin, die ich aus Papiermangel nur andeuten kann: die einzelnen Geistes- u. Kulturseiten haben offenbar nicht dasselbe Realitätsniveau. Wissenschaft handelt z. T. von der ausgedehnten u. zeitlichen Welt, z. T. von Begriffen die ewig sind. Kunst ist als Architektur offenbar "realer" wie als Dichtung oder Musik, wo das Wirkende ganz auf unendlicher Überzeugung beruht. Wirtschaft ist minder räumlich-zeitlich real. Religion hingegen hat einen Wirklichkeitsfonds, der seine Garantie ganz woanders hernimmt, als aus sinnlicher Wahrnehmung und logischer Deduktion. Und doch ist dies alles zusammen das Eine, große, rätselhafte Leben.
<li. Rand>
Herzlichste Grüße an die Tante, Frl. Ännchen u. Dich Stets Dein Grübler.