Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Mai 1915


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3.V.15. spät
Liebes Kind!
Es ist ganz rasend, wie ich jetzt geistig arbeite. Meistens fern vom Schreibtisch. Aber in meinem Prinzip liegt ein Umwerfen aller hergebrachten Form, und das für die elementaren Vorlesungen (140, darunter 2/3 ausgewachsene Backfische) verständlich zu machen, ist ungeheuer schwer. Ich will auf einen Punkt hinweisen, der eben jetzt in der Vorlesung dran ist, aber nicht ganz zur Geltung kommen kann vor kritiklosen Zuhörern.
Wenn, wie wir annehmen, Erkenntnis nur 1 von Sechsen ist, mag es auch alle übrigen noch so sehr durchziehen, so ist nur die Konsequenz, daß alle nur aus dem Erkenntnismotiv gemachten Grenzziehungen für meinen Zweck oft mehr hinderlich sind als fördernd. Ich kann auch Dir das ganz nicht klarmachen, was der Grundsatz heißt: das Leben sei über die Erkenntnis. Nur dies: Der scharfe Schritt zwischen Physischem und Psychischem, Psychischem und logisch Gelten
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|dem wird dann sekundär. Man male sich auch nur einmal aus, zu welchem Unsinn man kommt, wenn man etwa in der Kunst das Physische u. Psychische sondern will. Dann zerfällt Hermann u. Dorothea z. B. in a) Papier u. Druckerschwärze, bestenfalls Tonfolge b) sinnerfüllte Phantasieanschauungen. Diese Art Formung ist aber in der Freitagssphäre durchaus sekundär.
Verfolgt man aber dies minder zu Ende, so liegt darin eine neue Lebensbewertung. Denn alles, was war schreckt - dies Gebundensein ans Materielle, sinkt dann zu einem bloßen Kunstgriff erkennender Bearbeitung herab, und das Leben kann viel reicher pulsieren, wie es auch bei allen der Fall ist, die nicht wissenschaftlich infiziert sind. Wann z. B. wäre die Natur, in der er lebt, ein System von quantitativen bestimmten, bewegten materiellen Elementen? Ja meine kühne Phantasie sieht in der Form die Möglichkeit, den Tod der Lebendigen überhaupt nur als etwas in der Sphäre der Erkennenden Vergehendes zu betrachten. Aber ich will nicht ausschweifen. Nur muß, wer die Lebensbeziehungen anerkennt, sagen,
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|daß sie sich im Erkennen nicht erschöpfen, ja umgekehrt, daß das Erkennen sie im Dienste seiner bestimmten Leistung zerstört, u. daß nur die Religion ihren ganzen Sinn in sich zu fassen vermag.
Ich bin grenzenlos müde u. schließe heut. Gute Nacht!

4. Mai Abends
am Vorabend meines 10jährigen Doktorjubiläums.
Die große Welt hat sich einen mächtigen Schritt weiter bewegt. Alle Lebensgeister pulsieren zuversichtlicher. Ich glaube, es war Rettung in letzter Stunde. Denn Italien, das morgen vor der Entscheidung steht, wird sich nun auch besinnen, ehe es zu dem allgemeinen Unglück mal aktiv beiträgt, zu dem es schon passiv so unendlich viel beigetragen hat, daß mir die Stunde der Abrechnung fast mehr am Herzen liegt als die römische Bibliothek, an der ich übrigens meine Arbeiten auf Grund ganz besonders schlechter Nachrichten vom 24. April suspendiert habe.
Mein kleiner Kram geht weiter. Ich bin auch heute müde, da ich für die Vorlesungen intensiv denke und eben eine Sitzung mit Volkelt, Biermann, Böttger in Sachen der Frauenhochschule gehabt habe, die
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| durch rückhaltloses Aussprechen der Gegensätze klärend und deshalb fördernd gewirkt hat. Ich danke schon Gott, wenn ich nichts damit zu tun habe.
Eine andre kleine interne Schwierigkeit ist, daß ich meine Übungen dies Jahr nicht nach Wunsch in Gang bringe. Die Weiberleut haben nämlich vor mir eine so unüberwindliche Angst, daß sie sich an die Referate nicht herantrauen. Gottlob ist diese Angst nicht gegenseitig, ich werde sie einfach à la 1848 "oktroyieren". Aber der freie Zug akademischer Arbeit geht darunter verloren. Es ist überhaupt ein Jammer um diesen jetzigen akademisch-feministischen Stil. Wenn meine Erfahrungen weiter so bleiben, werde ich demnächst erklären: da die Damen meinem Gruß durch Fortsehen ausweichen, würde ich künftig nur noch die Damen grüßen, die ich persönlich kenne. Ist es wirklich so schwer, die einfachen Formen des guten Tons zu finden, wenn man schon sein Abiturium gemacht hat?
Aber das alles ist Nebensache.
Jeder strebt schließlich nach der Erfüllung seiner höchsten Bestimmung. Die erfrischende Freude, die wir alle an den Taten Hindenburgs empfinden, beruht doch darauf, daß dieser Mann die reifen Früchte vom Baum seines Lebens pflücken kann. Niemand
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| aber redet von dem, was er aus sich gemacht hat, wieviel unsägliche Arbeit er an sich geleistet, wie dankbar wir sein müssen, daß Er nun eben an diese Stelle kam, wo der Ertrag seines Lebens zur Ernte reift.
Wenn mir je gelingt, zu vollenden, was in dem Entwicklungsgesetz meiner Natur liegt, so ist es ein langer, langer Weg vor mir, ein Verzicht auf Tageserfolg und Modeleistung. Denn l'un on l'autre: Entweder bin ich auf dem Holzweg, oder auf dem königlichen Weg. Gelingt mir die Durchführung meiner Ideen, so entsteht nicht eine Nuance alter Systeme, sondern ein neues, das vielleicht nur in einer produktiven Zeit wie der unsern erwachsen konnte. Und nicht nur ein Begriffsbau, sondern ein neues Verständnis des Lebens, und damit neue Ziele des Lebens.
Das alles wagt sich unter dem Druck nationaler Sorgen kaum ans Licht. Und doch nehme ich an, daß ich demnächst vor einer prinzipiellen Lebensentscheidung stehen könnte. Ist innere Ideenentwicklung wirklich meine Kraft, so rückt Hamburg in meinen Gesichtskreis. Ist Wirkung ins Weite meine Kraft, so konkurriert wenigstens Hamburg (falls es bei den Universitätsgründungsplänen beharrt) mit
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| Leipzig. Aber dann ist wieder die Frage, ob ohne den Hintergrund eines großen Staates kulturelle Gedankenarbeit fruchtbar werden kann.
Was meine Anschauungsweise leistet, ist mindestens dies, daß sie die schmerzlichen Grundkonflikte des Lebens erklärt. Sie erwachsen aus Grundtrieben unsrer Natur, die im Laufe historischer Entwicklung so auseinandergetreten sind, daß sie im Einzelleben unversöhnlich werden. Für einfache Zustände sind Machtstreben und Liebe noch auf denselben engen Daseinskreis bezogen. Heute ist der Staat wohl ein innerlich Gebilligtes, ja Geheiligtes, aber was der einzelne opfert und verliert, verklingt im großen Strom, als ob der Mensch nur Mittel zu diesem Gesamteffekt wäre, den später irgendwer genießt - ein unbekanntes, kommendes Geschlecht. Deshalb muß auch die Religiosität unsrer Zeit immer innerlicher, persönlicher, ungeselliger werden - denn jeder ist mit seinem individuellsten Schicksal ganz allein, in der Stadt weit mehr als auf dem Land. Überall aber klingt die Frage an: der einzelne im großen Strom - und dieser Strom zuletzt wozu?
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Nachrichtenteil.
Von meinem Onkel seit einigen Tagen nichts Näheres.[unter der Zeile] 5.V. Heute etwas besser. Ebenso nichts vom Registrator. Lamprecht schwer erkrankt. Blumen a) von meinem Famulus a. D., jetzt Infanterist auf dem Schießplatz Zeithain im Pferdestall, b) von Frl. Tuchel c) von Frau Riehl. Am 12. Mai Konferenz im preuß. Ministerium.
Den Empfang Deines letzten lieben Briefes bestätige ich offiziell. Wenn ich auf Einzelheiten nicht eingehe, so beweist das nichts gegen meine aufmerksame Lektüre. Vielmehr bin ich für Meinungsäußerungen wie auf den beigelegten Zetteln sehr dankbar. In manchem treffen sie natürlich das nicht, was nur aus Übersicht über das ganze Prinzip der Begriffsbildung folgen könnte. Aber in anderem sind sie wieder ungeheuer anregend. Die Begeisterung "Traum" für das Ästhetische ist z. B. so fein und wahr, daß ich außerordentlich glücklich darüber bin. Als "Begriff" wird man sie nicht brauchen können. Aber es liegt darin ein so richtiges Gefühl, wie es mir nie gekommen wäre.
Außerdem habe ich ein neues Gebiet entdeckt: Ver
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|gleichende Forschungen über die Tiefen der Seelen. Leider kein Gebiet, das man ohne Konflikte durchwandert. Aber mein Auge ist offen; ich glaube, daß es sich höchstens momentan schließen kann.
Über die Art der neuen Tätigkeit u. die sonstige Gestalt des Lebens bitte ich um nähere Nachrichten. Ich muß heut schließen, weil meine Handschrift nicht mehr leserlich ist. Sei es nun Müdigkeit, oder Zusammenwirken flüssig-dampfender Elemente. Ein dunkler Punkt: ich kann mich da nicht loben.
Herzlichst u. dankbar
Dein
Eduard.