Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Mai 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>

18. Mai 1915.
Mein liebes, treues Kind!
Du hast sehr Recht, Antwort zu vermissen, aber unter der ungesunden Spannung verläuft die Zeit unbemerkt, man ist wie im Rausch, ich habe in den letzten Tagen nur Geschäftsbriefe geschrieben, will aber jetzt chronologisch nachholen, wie ich lebte und was ich erlebte.
Zuvor die amtliche Mitteilung, daß der dicke Brief ankommen ist.
Meine Reise nach Berlin stand unter dem günstigen Zeichen der italienischen Entspannung. Eben finde ich einen Brief von Woltereck vom 13. Mai, der ebenfalls ganz voll Optimismus ist. Aber seit Montag sieht es doch wieder anders aus. Wach sagt, wir würden einfach in Venetien einrücken. Wohltuend wäre es für uns alle. Die Sprache ist ja unerträglich. W. schickt mir 2 Nrn eines Blattes, das seit dem 12. Mai erscheint: Fuori i barbari – einfach Massenpsychose. Wird nach 3 Kriegswochen schon ruhiger
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| sein.
Also am Mittwoch früh kam der Brief von der Päd. Reform, mit der ich schon im <gestr. unleserl. Wort> [über der Zeile] Sommer den Konflikt hatte. Anfrage, ob ich 1) die Einheitsschule 2) dies allgemeine Universitätsstudium aller Volksschullehrer bekenne. Form höflich, jedoch klang das Bewußtsein heraus, wir d. h. die Hamburger Lehrer, haben die Professur zu vergeben. Anfrage bei Lenz ergab, daß die Kommission der Professoren (unter seinem Vorsitz) erst nach Pfingsten zum ersten Mal zusammentreten wird. Ich habe ganz scharf erklärt, daß das gegen das Recht der freien Wissenschaft ginge, und damit nicht nur Hamburg verspielt, ehe es mir angeboten wurde, sondern auch das Tischtuch zwischen mir und der Lehrerschaft zerschnitten. Gleichzeitig habe ich ganz freundschaftlich zum Juni die Verbindung mit der "Deutschen Schule" gekündigt, weil der Redakteur aus Rücksichten auf das Vereinsprogramm eine Anmerkung zu meinem wissenschaftl. Aufsatz machen zu müssen glaubt. Das geht natürlich nicht. Ich bin politisch niemandem dienstbar.
Den Hamburger Briefwechsel habe ich an einen
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| Dresdner Geheimrat privatim geschickt, damit man sieht, daß ich den Ruf von vornherein abgeschnitten habe. Außerdem habe ich im preuß. Min. den Vorfall zur Sprache gebracht.
In der Bahn konnte ich über all diese Dinge mit dem Seminardirektor Bär aus Delitsch reden, der ebenfalls ins Ministerium. Es handelte sich bei mir um ein Gutachten über die Stellung der Pädagogik in der neuen preuß. Oberlehrerprüfung. Ich behaupte, daß diese die Päd. von der Universität eliminiert, während man in Halle ein päd. Seminar an d. Univers. ausbaut. Nun hatte ich eine lange Konferenz mit dem Generalreferenten für d. höf. Schulen. Geheimrat Reinhardt; ich habe tapfer meinen Mann gestanden u. ihm nichts geschenkt. Natürlich war alles so weit fertig, daß ich nur einen Teilerfolg erzielte. (Näher nicht zu erläutern, weil §entechnik.)
Dann kam ich zum Universitätsreferenten [über der Zeile] Elster, der mich halb auf dem Flur abfertigte und eigentlich mir wiederholt versicherte, er hätte die Absicht verrückt zu werden. Dabei wollte ich ihn nicht stören. So kam also nur dies heraus: Er will, daß ich das Gutachten für den Minister ausführlich mache und
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| garantiert mir, daß Excellenz es liest. Das ist also meine Pfingstarbeit. Hoffentlich rette ich die Pädagogik in Preußen vor der völligen Vernichtung.
Dann fuhr ich nach Charlottenburg zu Tisch. Mein Vater gesund, habe ihn kaum 1 ½ Stunden gesehn. Dann um ¾ 4 weiter nach Lichterfeld. Über meinen Onkel war ich anfangs erschrocken, fand dann aber doch noch viel Lebendigkeit in ihm, so daß ich hoffe, es handelt sich nur um einen vorübergehenden Zustand. Sichtbares Leiden ist momentan nur eine weitverbreitete Flechte, die aber wohl kein gutes Symptom ist.
Bald nach 6 war ich bei Riehls. Ich habe mein zuhausesein dorthin verlegt. Sie sagen jetzt zu mir Du und ich zu Ihnen auch. Und daß sie entsprechend empfinden, beweist jedes Wort. Mutter Sofie – wie ich jetzt sage – bereitete mir einen großen Schreck. Es ist ein Herzleiden bei ihr festgestellt, und sie muß nach Pfingsten zur Kur nach Hamburg. Unklar, ob Herzerweiterung oder nur chronisch schlimme Wirkung der Herzneurose. Jedenfalls hörte man an ihrer Stimme das kranke Herz. Zum Philos. Abend kam nur Lindau, weil Scholz krank war. Und Freund Lindau hat sich innerlich fühlbar von uns entfernt.
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Mittwoch um 10 war ich wieder bei Riehls, sprach mit Mutter Sofie sehr lange und eingehend über vieles, mit Vater Riehl leider zu kurz. Doch hoffe ich, bald zu ihm zu können, wenn er allein ist. Diese Zeiten sind nämlich für ihn (selbst stundenweise) unerträglich schwer.
Auf dem Anhalter Bhf. aß ich Mittag, während der Fahrt präparierte ich mich für Freitag, und um 4 war ich in Leipzig. ¼ Stunde in m. Wohnung zum Säubern, dann um 5 zur Trauerfeier in der Un. Kirche. Viel Prunk. Am schönsten der alte Wundt als Redner, Gewandhausorchester Trauermarsch Eroica etc. Dann mit Biermann nach Haus. – Todesursache v. Lamprecht unklar. Jedenfalls ist Leukämie dabei gewesen.
Am Freitag erst Kolleg, dann 3 Doktorenprüfungen. (Nr. III, II, I) Vorbereitung zu dem mir viel Leserei auferlegenden Seminar. An ihm nimmt auch Schröbler wieder teil, der vorher in der Frauenhochschule liest. Nach dem Seminar ½ 10 erschien mein lieber Morgner feldmarschmäßig. Es war sein letzter Abend vor dem Ausrücken, den wollte er noch mit mir verleben. Wir waren bis um 12 zusammen. Nie ist ein Mensch mir
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| so tief und restlos ergeben gewesen. Es hat etwas so Rührendes, daß ich im stillen fürchte, die Erde kann dies Verhältnis nicht lange tragen. Wie immer, wenn er fortgeht, sandte er mir noch Blumen, einen ganzen riesigen Topf, und sein großes Bild. Das kleine kommt ins Seminar. – Dieser Abschied ging mir sehr nach und nahm mir sehr viel.
Sonnabend (statt Mittwoch) Frauenhochschule. Das hat wieder viel Schererei gegeben. Volkelt schrieb mir 4 Seiten langen engen Brief, Gottlob hat unser persönliches Verhältnis nicht gelitten. Sonnabend und Sonntag habe ich 2 Dissertationen, die von Brahn her zum Korreferat kamen, erledigt, und beide ablehnen müssen. Auch kein angenehmer Fall.
Sonntag Mittag Geburtstagsfeier bei Biermann. Wie immer entzückend gemütlich und schön. Tischnachbarin stumpfsinnig, aber es gibt eine, die es noch mehr ist u. auch da war: Frl. Rabl. Abends Vorbereitung zum eingelegten Kolleg. Es macht mir wenig Freude. Die anwesenden Lämmer sind doch absolut urteilsunfähig. Trotzdem komme ich im ganzen zurecht: die 10 Stunden vor Pfingsten enthalten die ganze Grundlegung. Wenn ich in den Pfingst
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|ferien jeden Tag 1 Vorlesung ausarbeitete, so wäre das Wesentliche u. Allgemeine fertig. Aber mein altes Pflichtbewußtsein wird mich wohl treiben, lieber die speziellen Teile weiter vorzubereiten, obwohl niemand recht über Pfingsten hinausdenken mag.
Montag Vorberatung mit Seeliger über Lamprechts Nachfolge. Ich bin in der Kommission. Du siehst darin meinen enorm steigenden Falkultätseinfluß. Nachm. bei Frau Rohn, die ich seit März nicht gesehen. Sohn heiratet nächste Woche; offenbar recht gegen ihren Sinn. Abends Paeonia ohne Lamprecht. Er fehlt mir dort besonders. Dafür war er der rechte Mann. Bücher hat bei der Feier für die Paeonia gesprochen.
Nun einzelne Nachträge: Ludwig ist seit 5 Wochen beim Militär. Direkt seit 7. März (s. Geburtst.) nichts von ihm. Ebenso nichts vom Registrator. Das hatte ich doch geschrieben, daß der Vater von Susanne Conrad in Szimbirsk ist, nahe bei Frl. Ingermann; deren Vermittlung habe ich jetzt unter Benutzung des schwedischen Botschaftskuriers nach Petersburg wieder angerufen. Sie hat an Grete Haas geschrieben, daß sie von F. Nachricht hat. Gleichzeitig kam eine Karte von F. an Frl. H. vom 29. III.
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| Von Nieschling garnichts. Auch sonst beinahe nichts aus dem Felde.
Regt sich auch in Cassel die Sozialdemokratie wieder?
Morgen muß ich beinahe 1200 M Steuern bezahlen – die erste Hälfte. Pfingstpläne habe ich eigentlich nicht. Es ist in mir ein dringendes Gefühl, jetzt kein Privatleben zu führen, sondern ganz im Beruf aufzugehn, da ich ja leider keine eigentliche, mir adäquate Kriegsstelle habe. Ich will nur zu dem Goethefest von Morgen bis Abend nach Weimar, habe mich mit Lenz (dem Festredner) und Muthesius verabredet. Man ist auch so aufs Sparen bedacht. Aber wenn nur der Druck von Italien her aufhört, so müssen wir doch mal den Erfurter Kongreß, vielleicht in Gotha, wiederholen. Ich habe nämlich, diesmal, ausnahmsweise, so ein Gefühl, daß es doch nicht zum Kriege kommt. Je mehr mein Verstand das Gegenteil sagt, um so auffälliger ist mir dies Gefühl.
Ich glaube, daß ich jetzt nichts vergessen habe.
Die langen Wanderungen in den fernen Stadtteil so früh strengen Dich, glaube ich, zu sehr an.
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| Muß es denn durchaus so früh sein? Sonst ist es ja gut, wenn man jetzt zu tun hat, man wird sonst ganz verzweifelt. Ich bin über den Kriegsfuror mal wieder hinaus: Ich bin am Donnerstag angelangt, die schrecklichen Opfer, und wie in Ypern, beiderseits tausende, ohne daß sich an der Sachlage etwas verschiebt!
Heute soll ich nun Vorlesungen für das Wintersemester ankündigen. Ein merkwürdiger Gedanke. Vor einigen Tagen war Köbe aus Jena hier. Wir sprachen über die Unabkömmlichkeit u. die Stellung der alten Herren dazu. Er ist von der Wahrheit überzeugt, daß die Zukunft der deutschen Wissenschaft in Landsturm I läge; betreffs der Herren über 45 neigte er zu der Auffassung, daß man sie als Kugelfang brauchen sollte. Gottbegnadete meine Genialität.
Einiges andre geht aus den Beilagen hervor, die ich zurückerbitte. Vieles möchte ich wohl noch sagen. Aber es bleibt doch unsagbar, wie ich täglich an Dich denke und darin in verzagten Stunden Kraft und Ruhe
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| finde. Leider sind mir ein paar wertvolle Gegenstände von Dir ruiniert: die kleine Vase hat das Mädchen zerbrochen (sonst ein ordentliches Wesen) und das eine Messer, das noch intakt war, hat mir eine fremde Frau auf der Post zerbrochen. Das ist aber nicht im Stile Kügelgen gesagt!!
Leider bin ich ein ausschweifender Raucher geworden!
Von Hermann u. Kurt bitte ich mir regelmäßig zu schreiben. Auch dem guten Freund Heinzelmann ausdrückliche Grüße zu sagen. Ich komme nach wie vor durch die Korrespondenz nicht hindurch, kann daher vielen meine Treue nicht so beweisen, wie sie ist.
Ich muß schließen, weil die Pflicht ruft. Viele herzliche Grüße der lieben Tante und Dir alles Gute in herzlicher Liebe
Dein
Eduard.

[] Biermann hat mir fürs Seminar eine große Schopenhauerbüste geschenkt.