Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 24. Mai 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>
24.5.15.
Mein liebes Kind!
Wir wissen nun wenigstens, woran wir mit Italien sind. Mag das Fatum weiter seinen Gang gehen; wir sind bereit zu folgen, wenn es ruft. Denn unter einer solchen Rotte von Nachbarn muß Deutschland entweder als Sieger leben, oder überhaupt nicht leben. Der Abschied von der Welt bisherigen Ziele ist zwar schwer; aber schließlich ist alles nur geliehen und das Ewige ist im Kriege nicht ferner als im Frieden.
Sind das Repressalien: ich weiß nicht, ob Du meinen 10 Seiten langen Brief mit den allerhand Beilagen erhalten hast? Die Niederzwehrener Karte war mir nicht ganz verständlich. Aber sie erfreute mich wie die schönen Maiglöckchen als Pfingstgedenken.
Meinen Nachrichten ist wenig Neues hinzuzufügen. Ich habe sogleich nach Schluß
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| der Vorlesungen auf Wunsch der Vossischen Zeitung einen Aufsatz über Lamprecht geschrieben. Er ruht zwar auf den großen Briefen, die Du kennst, ist aber nicht als Nachruf gedacht. Denn man kann seinem Andenken wirklich nützen nur durch objektiv-kritische Darstellung. Ich habe mir sehr viel Mühe damit gegeben, und jedenfalls ist L. in diesem Aufsatz zum ersten Mal von tieferen Gesichtspunkten aus interpretiert worden. Aber ob die Darstellung für weitere Kreise verständlich ist, ist schwer zu sagen.
Gestern Mittag war ich bei Rohns, Abends in Cröbern bei Günthers. Heute gehe ich Mittags zu Biermann. Es ist ein unvergleichlich herrliches Pfingstwetter.
Des Landsturm 2. Aufgebotes ist hier noch nicht eingezogen. Es wird wohl doch 8 Wochen dauern, bis es herein ist. Dann rechne ich mit Aufhebung der U.-Erklärungen. Bis dahin wird der akademische Betrieb unsäglich qualvoll sein. Wenn die bezeichnete Wendung eintritt,
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| muß ich Dich bitten, herzukommen, damit ich Dir notariell Verfügung in meinen Vermögensangelegenheiten (stolzer Name für bescheidene Sache) übertragen kann.
Vom Registrator nichts. Von Hermann gestern zu meiner Freude eine ganz muntere Karte. Morgner schreibt von der Lorettohöhe (! schlecht)
Der Günther ist so ein Berufspessimist und Angsthase; man wird den Nachgeschmack schwer los. Im ganzen habe ich Vertrauen. Ich glaube sogar, daß eine wesentliche Verlängerung des Krieges nicht eintritt. Denn über den Oktober hinaus reichen unsre Kräfte wohl kaum. Haben wir es bis dahin nicht so weit gebracht, daß alle müde sind, dann steht es schlecht. Aber Italien wird wohl zurecht in sich zerfallen. 1 200 000 Mann sind zwar viel, aber die Qualität u. das Gewissen ist schlecht, und die Entrüstung gibt uns doppelte Kräfte.
Vielleicht fahre ich Sonnabend doch nach Weimar. Heute Schluß mit der Bitte oder in der Hoffnung auf Nachricht.
In Liebe
Dein
Eduard.