Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. Mai 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 26. Mai 1915.
Liebe Freundin!
"Ein Klang von Vorwurf" klingt wohl hindurch. Aber wie schon so manchmal, ohne daß in mir auch nur die leiseste Ahnung eines Schattens war. Und noch heute verstehe ich nicht, worin dieser Schatten bestanden haben könnte? Du warst der erste, dem ich schrieb, nachdem ich unter den Pflichten des Tages Zeit fand. Selbstverständlich. Es wurden 10 Seiten, weil ein kurzer Brief über das Persönliche garnichts gesagt hätte. Auch jetzt blieb ja vieles unvermeidlich noch unverständlich. Die Schreibpause war nicht unnormal. In meinem Brief aber lag kein Klang von Vorwurf, sondern nur von Sehnsucht. Denn als Pfingstgruß eine 2 Zeilenkarte aus dem "Gefangenenlager" (?) ist kurz. Aber es wird mir nie einfallen, aus Verwöhnung zu drängen. Dazu ist mein Vertrauen und meine Gewißheit viel zu stark. Ich frage dann eben an; wie es in der Ordnung ist.
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Wohl oder übel suche ich nach tieferen Gründen. "Furcht vor dem Zurückgestoßenwerden" klingt nicht eben lieblich. Aber es muß da in Deiner Empfindung wohl etwas ein, wofür ich nicht kann. Und ich finde die Erklärung nur in der Lage der Zeit. Sie ist so, daß kein Mensch dem andern helfen kann, sondern nur ein Gott. Wofern wir denselben Gott haben, wird er uns auch helfen. Ich habe meine innere Qual auch still getragen. Soll man sich die Zeitung vorhalten? Ich war gewiß, daß wir diese Eindrücke und ihre Folgen für unser persönliches Leben im gleichen Sinne aufnehmen würden. Kraft abzugeben - Gott sei's geklagt - hatte ich damals noch nicht. Heute wieder.
Du mußt dabei auch Folgendes bedenken. Man kommt über Lebensschicksale hinweg, aber sie sind wie seelische Amputationen. Wenn ich zurückblicke, so sehe ich nichts als Trümmer meines Verhältnisses zu Menschen. Mein Vater ein Ehemals. Kügelgen, Ludwig, meine Schülerinnen - ein Ehemals. Nieschling, der Registrator, Friedmann in unerreichbarer Ferne. Was mich umgibt, im besten Falle so alt, wie mein Aufenthalt
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| in Leipzig. Es war die Sehnsucht nach einem menschlich stützenden Kreise, der mich dem Hause Riehl näher und nun ganz nah führte. Du bist die einzige, die mit meinem Leben und Werden verwachsen ist. Das bloße Bewußtsein, daß es so ist, hält mich aufrecht. Aber ich bin in mir härter geworden. Ein Mensch, der eine solche Zeit durchlebt, der für sich selbst solche Wege geführt ist, muß seinem Gefühl viel versagen. Er kann von dieser Seite nicht mehr jugendlich weich sein, oder er würde nicht mehr leben. Und es ist fast so - das ganz feine und weiche Gefühl für Menschen ist in mir erstorben. Du bist im März selbst Zeuge gewesen, wie mir von 2 Seiten zugleich ein Stück Leben abstarb. Denn der vergessene Fall Hofmann wirkt doch in der Form nach, daß ich mich von jugendlichem Glauben geheilt fühle.
Meine Lebensbestimmung kann nur noch sein, die Realistik meiner Daseinserfahrungen für andre zur Gestalt zu erheben. Dieser Wahrheitssinn tröstet. Dein Platz ist an meiner Seite. Ein Brief, der zwei Tage später kommt, sollte keine Krisis mehr hervorrufen. Oder sie kommt aus einer falschen Ecke. Jede Unsicherheit, die ich
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| in Dir fühle, wirkt auf mich wie ein Gifthauch zurück. Aber Mann ist anders als Weib. Es gibt Erlebnisse, in denen ich nur schweigen kann. Denn auch meine Kraft ist oft am Rande. Ich begreife diese Zeit noch nicht. Wenn ich sie einmal begreife, werde ich wieder Herrscher sein. Niemand kann mir dabei anders helfen, als daß er bei mir bleibt.
Über die Blumen des Herrn Heinzelmann muß ich ein Geständnis ablegen, das mir schmerzlich ist. Als ich den Brief las, fand ich sie nicht und dachte auch nicht daran, daß sie noch darin liegen könnten. Nachträglich fand ich auf der Erde ein paar gepreßte Veilchen. (?) Ich zerbrach mir den Kopf, wo sie hersein könnten, und nahm schließlich an, daß sie bei Deinem Brief, der so mancherlei enthält, gelegen haben könnten, ohne an H. zu denken. An demselben Tage nahm ich das Bild von Morgner mit zum Seminar. Da kam mir der Gedanke, diese Gabe eines Unbekannten dem lieben, ins Feld gezogenen Freunde als Schmuck auf das Bild zwischen Rahmen und Glas zu stecken. So habe ich das Bild aufgehängt. Am nächsten Tage suchte ich die Blu
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|men. Sie waren fort. Übrigens können sie nur fortgenommen sein. Erst Deine Karte heut machte mir ihren Ursprung klar. Ich traure tief, daß mir dies begegnete. Denn ich empfinde die Zartheit dieses Symbols mit der ganzen Tiefe, aus der es kam. Ich kann mich auch nicht entschuldigen. Höchstens damit, daß der liebe Freund, dem ich sie zudachte, an der Lorettohöhe steht und - da heute wieder große Kämpfe gemeldet werden - vielleicht nicht mehr ist, wo ich dies schreibe. Wir aber wollen hoffen, daß uns der unbekannte Gott noch ein Zusammensein im Hause Heinzelmann schenkt. Solche Freunde nach dem Kriege um sich zu haben, wird heilend sein. Schreibe mir doch seine genaue Adresse. Und verzeih! Es ist nicht ungeschehen zu machen. Höchstens künftiges Anvertrauen an Unwürdige zu verhüten.
Ich bin eigentlich sehr traurig. Und kann doch nicht sagen weshalb. Es ist da zwischen uns so etwas Ungeklärtes. Etwas, das sich durch Schreiben nur noch mehr verwirrt.
Aber wer weiß, wann wir uns sehen. Deshalb ist es wohl besser, ich sage es ganz so hart, wie es heut ist. Aber es tut mir bitter weh.
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Du schreibst immer so gut über die Susanne Conrad. Wirklich so groß und rein.
Und auch in ihr ist nichts als ich.
Und ich empfinde das tief. Wer bliebe gleichgültig, wenn er ein ganzes Leben sich gewidmet fühlt.
Aber ich komme darüber nicht hinaus. Es bleibt, wie ich Dir schrieb.
Die Pfade meines Lebens sind verworren. Die glückliche Einheit meiner Natur ist zerrissen. Ich bin ein Zuschauer, dem der Gang der Handlung von außen zugemessen wird.
Wie soll es sein, im Herzen andrer, wenn die tiefsten Blicke ins Leben - und ich habe sie getan - nicht weiterführen?
Da heißt es still sein und geduldig. Die Stunde muß ja kommen, wo die Kräfte gesammelt wieder aufbauen. Oder es kommt die Stunde der Vernichtung. Denn jeder ist für sie reif, der nicht weiter weiß.
Sollte man der Tante in Aachen nicht wünschen, daß sie ein sanftes Ziel finde? Leben und
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| Leben ist ja nicht eins. Ich fühle wohl mit der Tante. Aber das Alter Simeons hat ein Recht auf Ruhe.
"Sollte aber Deutschland unterliegen, dann würde sein Geist wie ein Phönix auferstehen und umso verklärter leben." Weißt Du, daß Riehl das wörtlich so in Leipzig gesagt hat? Dafür bin ich Dir dankbarer als für alles andre. Solch ein Wort hilft vorwärts ins Dunkelste.
Über die Feldlektüre werde ich mich durch geeignete Proben äußern.
Die Hamburger Korrespondenz, die allein völlige Aufklärung bieten könnte, kann ich noch nicht aus der Hand geben. Sie ist für mich Fundament weiterer Schritte. Das sächs. Ministerium hat Kenntnis. Sa. Summarum: eine ungeheure angemaßte Frechheit, die ihren Meister gefunden hat.
Wo ist Kurt?
In treuer Liebe
Dein
Eduard.