Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Mai 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 31. Mai 1915.
Liebe Freundin!
In einem sicheren Instinkt habe ich den Brief, den ich gestern nach meiner Rückkehr aus Weimar Abends schrieb, nicht abgeschickt. Er enthielt im wesentlichen nur die Bitte um die Erklärungen, die Dein heutiger Brief brachte. Mein Empfinden ist zu sicher, um nicht hinter all dem Vorgeschobenen eben dies Tiefere und Grundsätzliche zu ahnen. Deshalb habe ich auch nur auf Deinen letzten Brief zu antworten.
Ich bin diesem Brief tief dankbar, da volle Offenheit das Höchste und Beste ist, das man sich geben kann. Ich finde auch in ihm Dich ganz wieder, wie Du bist und mir heilig bist. Daß er mich in den letzten und schwersten Konflikt hineinwirft, der mir noch übrig blieb, ist nicht unser beider Schuld.
Diesen Konflikt ganz zu entwickeln, verbietet mir eine innere Stimme. Du beurteilst ihn im wesentlichen richtig. Nun könnte Dir nur dies sein (obwohl nach meinen früheren Brief auch nicht), daß Deine Stelle in meinem Herzen durch niemanden eingenommen werden kann, am allerwenigsten
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| durch einen Namen, der in letzter Zeit wiederholt genannt ist. Dieser Name weiß das auch, und dieses Wissen ist das Beste in ihm. Ungerecht urteilst Du über einen Vierten, obwohl das nie ausgesprochen worden ist von Dir.
Alle Schicksale haben ihren inneren Sinn und ihre Zuspitzung auf die Zukunft. Die Stelle meines Lebens, an der ich bin, gestattet keine geradlinige Fortsetzung. Dieser besondere Fall ist nur Symptom. Ich werde nun, wenn ich zum Heer gerufen werde, darin nichts Schweres mehr sehen. An solchen Punkten führt nur das Fatum weiter.
Auf Dich aber möchte ich all die glückliche Vollendung herabflehen, die mir versagt blieb. Denn wenn in meinem enttäuschungsreichen Leben etwas sich umwandelbar erwiesen hat in seiner Güte, Treue und Reinheit, so bist Du es. Und wenn von meinem Glück und Gelingen eine Quelle genannt werden kann, so bist Du es. Es mag Dir manchmal schmerzlich erschienen sein, daß ich Deinem familiären Leben und Deiner feineren Herzenswelt ferner stand. Nimm es als die Grenzen meiner Natur und als Folge der idealen Gestalt, mit der Du in mein Leben tratest, nun vor 12 Jahren,
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| als Du mir durch die Skizze von Heidelberg sagtest, daß unsre Begegnung keine flüchtige sein sollte.
Wie aber der Weg weiter geht, das müssen höhere Mächte entscheiden. Denn mir entglitt seit dem August über mein Einzeldasein Führung und Herrschaft. Es bleibt mir nichts, als zu erwarten, was das Schicksal über mich beschließt.
Dein
Eduard.