Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juni 1915


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1. Juni 1915.
Eine Nacht liegt dazwischen. Aber wie kann sie weiterführen, wo alles verworren ist? Gewiß, zwischen uns ist es klar. Aber es ist keine Klarheit, die für die Zukunft Kraft gibt. Ich sehe auf der einen Seite Dich mit Deiner unversieglichen Liebe, an die niemand fester glaubt als ich, auf der andern mich, unfähig, die Menschen glücklich zu machen, ihren gerechtesten Erwartungen zu entsprechen, in entscheidenden Augenblicken unvorsichtig und dann zum Brechen zu mitleidig.
Irrig war es, wenn du etwa meintest, die Pause meiner Briefe an dich sei durch Briefe nach andrer Seite ausgefüllt gewesen. Ich hatte eben für das Persönliche keine Zeit. Aber darin liegt ja alles. Ich habe für dieses Leben nie Zeit gehabt. Es wird künftig noch mehr so sein. Deshalb hätte ich nie eine Seele, die, wie Du, jeden Einzelzug des Daseins unendlich fein und zart empfindet, in meine Bahn hineinziehen dürfen. Nun erfahre ich, daß ich alles empfing und nichts
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| gab, jedenfalls nichts, wonach Deine Seele dürstet und worauf sie ein Recht hat.
Ich verstehe jetzt auch, weshalb ich keinen Freund mehr habe. Mir fehlt die Fähigkeit des Opferns.
Wenn das Sinn hätte, würde ich sagen: ich will mich ändern. Aber ich habe die Führung über mich verloren. Ich habe nur noch einen Beruf und eine objektive Bestimmung.
Zum ersten Mal in meinem Leben tut gerade das Liebevolle in Deinen Worten mir weh. Denn nun fühle ich deutlich: ich habe kein Anrecht darauf; ich bin dessen nicht wert. Nicht durch irgend etwas Neueres, das vorgefallen wäre, sondern überhaupt, deshalb, weil ich bin wie ich bin.
Und wie soll da der Weg weitergehen? Ich sehe es nicht. Ich sehe nur, daß ich künftig den Schein vermeiden muß, als ob man in meiner Nähe glücklich werden könnte.
Heut jedenfalls bin ich ratlos. Vielleicht, daß mich die Zeit etwas weiterführt.
Ich danke Dir und grüße Dich von Herzen
Dein
Eduard.

Abends.
Ich habe den ganzen Tag überlegt, was ich tun und schreiben soll, aber es bleibt bei meiner Ratlosigkeit. Höchstens noch dies:
Falls Du annimmst, daß ich S. C. irgend etwas von den Gefühlen zugewandt hätte, die bisher Dir gehörten, so irrst Du. Sie ist für mich überhaupt kein Schicksal, mindestens heute noch nicht. Darin kann also die Ursache des Ungeklärten zwischen uns nicht liegen. Aber Du sagst mit Recht: "Wenn Du in dir fest und gesichert gewesen wärest u.s.w." Es ist so, ich bin es nicht. Wo da Schuld anfängt und wo Lebensrecht ist - ich weiß es nicht. Ich weiß überhaupt nichts mehr und gebe die Hoffnung auf, mein Leben je zu gestalten. Es war das ein jugendlicher Traum, den es abzubrechen Zeit ist.
D. E.