Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Juni 1915


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3.VI.15.
Liebe Freundin!
Es ist alles ganz sinnlos und hoffnungslos, wie ich es auch mache. Denn wenn ich jetzt schreibe: ich habe in diesen Tagen dienstlich so zu tun, daß eine wirkliche Aussprache ganz unmöglich ist, dann siehst Du darin ein Zeichen von Lauheit. Ich soll telegraphieren. Das kann ich heut so wenig wie neulich, weil ich doch eine Begründung geben muß. Ich möchte schreiben, aber die Angst, der Brief könnte morgen nicht dasein, läßt mich schon kaum überlegen, was ich schreibe.
Und woher all diese ungewöhnliche Erregung zwischen uns? Anlaßlos, nach meinem Gefühl. Denn seit dem März, wo wir zusammenwaren, hat sich sachlich garnichts geändert. Eine ungewöhnlich lange Schreibpause kann ich nicht anerkennen.
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| Ich habe einen Beruf und Berufspflichten, das bitte ich Dich nicht zu vergessen. Alles wird zerstört, wenn unser Briefwechsel auf die Tonart kommt, daß ich schreibe, weil ich schreiben muß. Daran ist schließlich auch das Verhältnis zu Anna Knaps zugrundegegangen.
Was hier vor sich geht, ist, wenn ich es überhaupt verstehe, eine Krisis, die aus Dir kommt, ein enttäuschtes Erwachen. Du hast mich anders gesehen als ich bin. Dabei habe ich vor niemanden je weniger eine Scheinrolle zu spielen: sucht als vor Dir. Wenn Du also nicht mit mir zufrieden bist, so bist Du mit meinem Wesen, wie es ist , nicht zufrieden. Denn ich habe Dir nie etwas vortäuschen wollen, was ich nicht bin. Du kennst mich. Um so schmerzlicher, daß nun hier plötzlich Entfremdung eintreten soll. Entfremdung aber bedeutet diese Veränderung des Tones, da ich, wie ich wiederhole, einen objektiven Anlaß zur Unzufriedenheit in der Verzögerung eines Briefes um 2 Tage nicht anerkennen kann.
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Ich habe nicht die Absicht, wie Du, durch eine plötzlich aufwallende Erregung eine Zusammengehörigkeit in Frage zu stellen, die bisher mein höchster Besitz war. Grundsätzlich bitte ich um Ruhe und Zeit für meinen nächsten Brief.
Ich habe morgen von 8 früh bis Abends 10 Dienst. Sonnabend und Sonntag Vormittag bin ich in Sachen der Nachfolge Lamprechts beschäftigt. Ich hoffe, am Sonntag Abend zum Schreiben zu kommen. Ein Versprechen kann ich aber nicht abgeben. Es ist auch manchmal besser, man verschiebt einen Brief, bis man sich der Tragweite des Geschriebenen bewußt ist.
Seit dem März habe ich verlernt, über etwas Persönliches zu weinen. Die Zerstörung meines menschlichen Lebens mag ihren Fortgang nehmen, da das Schicksal es will. Deine Haltung aber ist mir, offen gesagt
Ich habe den Schluß fortschneiden müssen - ich bin unsicher geworden und weiß nicht mehr, was ich schreibe. Ich kann in solcher Hast überhaupt nichts Vernünftiges schreiben.
Ich grüße Dich mit dem Willen, es so zu meinen wie stets: voll Vertrauen und Liebe Dein
Eduard.