Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. Juni 1915


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6. Juni 1915.
Liebe Freundin!
Auf Deinen letzten Brief könnte es die beste und kürzeste Antwort erscheinen, sich gegenseitig die Hand zu geben und wieder gut zu sein. Es ist auch in mir gar kein Bedürfnis nach Streit; im Gegenteil, ich bin völlig überrascht worden durch Deine Unzufriedenheit mit mir; denn ich hoffte, daß nach den mannigfachen Krisen, die seit dem August nicht aufgehört haben, jeder von uns alles vermeiden würde, was von neuem eine Trübung herbeiführen könnte. Da diese nun aber doch wieder kam, so liegt sie entweder an einen besondern Anlaß, über den man sich aussprechen kann, oder sie liegt tiefer; und da nützt dann auch das Aussprechen nicht viel.
Recht ungern schreite ich zur Untersuchung dieser Frage, da wir früher nicht so juristisch mit einander verhandelten.
Es wäre unaufrichtig, wenn ich um des Friedens willen sagte, daß der "Anlaß" mir Dein Verhalten erklärt. Ich bitte noch einmal
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| den Verlauf zu überblicken: Vorangegangen waren 2 oder 3 sehr große Sendungen an Dich, durch die ich Dich an meiner inneren Arbeit unmittelbar teilnehmen ließ. Unser Austausch war damals lebhafter als seit lange. Dann begann das Semester mit seinen doch immerhin vermehrten Forderungen an meine Zeit. Am Sonntag [über der Zeile] 9.V. gabst Du den großen Brief auf. Er kann erst im Laufe des Montag angekommen sein. Da Abends Päonia war, mußte ich Nachm. schon das Kolleg fertig machen. Dienstag war Vorlesung, Examen, Sprechstunde, daneben Erledigung der ganz eiligen Dinge, weil ich ja vorhatte, 2 Tage zu verreisen. Mittwoch reise ich, beweise Dir nach alter lieber Gewohnheit durch einen Gruß, daß ich an Dich denke, selbstverständlich. Die Tage werden doppelt unruhig durch die Hamburger Sache und den Tod Lamprechts. Der Freitag kommt für meine Privatangelegenheiten nie in Betracht, da ich mich den ganzen Tag zu präparieren habe. Sonnabend Vorm. mußte ich die ausgefallenen Übungen der Frauenhochschule nachholen. Was ich am Sonnabend [über der Zeile] Nachm. gemacht habe, weiß ich nicht mehr;*) [Fuß] *) Ich habe die Hamburger Briefe abschreiben müssen. ich bitte aber zu bedenken, daß ich ungefähr in diesen Tagen 2 dringende Dissertationen u. eine Staatsexamensarbeit
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| zu erledigen hatte. Außerdem war die Hamburger Frage für mich eine wichtige Zukunftssache, über die ich mit Kollegen reden mußte. So kam es, daß ich am Sonnabend, dem ersten physisch möglichen Tage, noch nicht schrieb. Sonntag um ½ 2 war ich – und konnte das doch nicht absagen, bei Biermann eingeladen. Gegen meinen Willen kam ich erst um 8 nach Hause. Am Montag hatte ich 8–9 eine Vorlesung eingelegt; ich mußte mich also Abends noch vorbereiten. Niemand hat in diesen Tagen von mir einen Privatbrief erhalten. Der erste, an den ich schrieb, warst Du. Nun habe ich unglücklicherweise kein Protokoll aufgenommen, zu welcher Stunde. Es war aber wohl so, daß ich am Montag Nachm. schrieb, den Brief aber – er hat ja noch einen Anfang? – nicht ganz fertig machte. Denn Abends war Päonia und Dienstag früh Kolleg. Er kam ungefähr Dienstag um 12 in den Kasten, noch vor Deiner Mahnung, die ich, obwohl mir der Ton auffiel, sehr ruhig aufnahm; denn mein Brief war ja unterwegs. Daß er jetzt, wie die Blumen an die Tante, 24 Stunden bis Cassel braucht, ist nicht meine Schuld.
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| <Satzanfang?> mit allen andern in Gedanken und Sorgen völlig eins fühlte. Aber es handelt sich ja nicht um die betreffenden Tage, sondern es kommt hier nur ein lange in Dir angesammeltes Gefühl zum Ausdruck.
Was ich darauf sagen kann, ist auch z. Z. schon gesagt. Es ist wohl sehr selten, daß Frauen bei Männern überhaupt so viel "Eingehen" auf ganz Persönliches, zumal Familiäres finden, wie sie es aus ihrer Wesensart und Gefühlslage heraus erwarten. Das ist einfach ein Weltgesetz. Ferner: jetzt weich zu sein, ist eine doppelte Kunst. Man würde zugrunde gehen, wenn man nicht in gewissen Grade stumpfer würde. Endlich: was ich in diesem Jahr erlebt habe; hat mich auch nicht gerade mit stärkerem Gefühl begabt, sondern gegen vieles verhärtet, was mir sonst lieb war.
Nur in einem bin ich mir ganz gleich geblieben: in dem Gefühl für Dich. Du hast Verse aus dem November in der Hand, in denen doch wohl ein Ringen um Dich zum Ausdruck kommt, wenn auch poetisch unvollendet, so seelisch echt. Da sollte die neue "Stufe" beginnen. Stattdessen im Januar ein neues Mißverständ
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|nis, das mich härter traf, als ein 2 Tage ausgebliebener Brief. Denn es zeigte, daß noch immer fremde Urteile Dich störten in der Teilnahme an meinem von schweren inneren Leiden begleiteten Suchen. Wir kamen darüber zu einen neuen Frieden, auf den ich baute. Äußere Schicksale zerstörten unsre kurze Begegnung; ich habe Dir damals täglich gesagt, wie schwer ich es empfand, Dich gerade in diesen Tagen wieder nur an schweren, noch heute nicht verwundenen Schicksalen teilnehmen lassen zu müssen. Aber ich konnte doch nichts dafür. Sobald Ruhe eintrat, tat ich alles, um dich wie in den besten Zeiten wieder in den Fortschritt meiner Gedanken hineinzuziehen, und alles ging sehr gut, bis Du mit dieser Lappalie wieder einen neuen Schatten heraufbeschwörst.
Nun mußte ich doch stutzig werden. Allen Versicherungen aller Gefühle glaube ich. Aber niemand kann seine Gefühle wollen. Wenn also trotz dieser Gefühle eine Unzufriedenheit mit mir durchbrach, so muß die, wie gesagt, nicht einem einzelnen an mir gelten, sondern meiner
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| Natur. Niemals habe ich Anlaß gehabt, über meine Wert geringer zu denken als jetzt. Mit Mühe halte ich mich überhaupt im Gleichgewicht. Die Urteile, die Du über mich fällst, sind nicht angetan es zu stützen. Sondern sie sagen mir, daß ich da, wo ich am meisten geliebt habe, auch am meisten enttäuscht habe. Denn sonst wärest Du doch nicht gerade in diesen schwersten Tagen seit Anfang August mit solchen im ganzen Ton sehr fühlbaren Ausstellungen an mir heraus gekommen.
Ich habe nur zuletzt sagen müssen, daß Du eben in mir tatsächlich einen Mangel an Gefühlszartheit findest; und deshalb waren meine letzten Briefe ratlos. Vorher aber kam ich natürlich mit meinem Suchen auch auf Beziehungen zu andern Menschen, in denen etwa der Anlaß zur Entfremdung liegen könnte. Jedenfalls wäre mir dies das Begreiflichste. Davon zu reden ist garnicht schwer. Es kommt auch immer wieder auf das selbe hinaus: wenn es jemanden gibt, der in das besondere, nämlich das Geistige und Tiefe unsrer Gemeinschaft nicht hineinreicht, so ist es eben dieser Mensch.
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| Diese Auseinandersetzung ist im Verhältnis zum Objekt etwas umständlich. Sie erklärt aber, daß meinerseits nicht einmal Unachtsamkeit oder mangelndes Gedenken vorliegt, sondern daß alles, übrigens frei aus meinem Herzen heraus, Dir so früh mitgeteilt wurde, wie ich es – bei der Notwendigkeit viel zu sagen – überhaupt konnte.
Aus dieser Sache etwas zu machen, dabei bleibe ich noch heute stehn, ist kein objektiver Grund vorhanden. Ja ich kann auch für die Zukunft nicht versprechen, daß sich dergleichen nicht wiederholt.
Wie ich es in dem nicht abgeschickten Brief bereits aussprach, stehst Du mir zu hoch, als daß ich Dir solche Quisquilien zutraute. Deshalb muß ich doch die Ursache tiefer suchen.
Sie kann nur liegen, und liegt (nach deutlichem Ausdruck in verschiedenen Deiner Briefe) in einer generellen Unzufriedenheit mit mir. Du vermißt mindestens – wenn nicht noch andre Dinge in Betracht kommen, die nötige (d. h. im freundschaftlichen Sinne selbstverständliche) Teilnahme) an Deinem Leben. Hier bitte ich nun zu bedenken, daß die betreffenden Tage die Zeit der Krisis mit Italien enthielten, daß niemand sehr aufs Persönliche gestimmt war und sich doch <Satzende?>
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|Andernfalls wäre es ein Verrat gewesen, hier überhaupt einen Schritt weiterzugehen. Besondere Kriegsereignisse fügten es, daß wir uns häufiger schrieben, als in meinen ursprünglichen Gedanken lag. Das ist nun so gewachsen und ist mir für die Zukunft eine Sorge, über die ich mich schwer aussprechen kann. Ich bin aber doch kein Jüngling, der über seine Gefühle nicht Bescheid weiß. Wie sie liegen, habe ich Dir in einem früheren Brief ausgesprochen und habe den heute nichts hinzuzufügen. Nur das eine ist mir unmöglich, ein naives Wesen, das absolut in mir aufgeht und sich doch ganz klar ist über die Grenzen dessen, was es mir sein kann, einfach fortzustoßen. Daß es solche Komplikationen unter Menschen gibt, ist wohl wieder nicht meine Schuld, sondern etwas, worüber ich selbst bis zur völligen Ratlosigkeit leide. Und was Du da meinst, daß es besser gewesen wäre, wenn es aus mir selbst gekommen wäre, trifft nicht zu. Denn dies war eben unmöglich.
Nun aber ertrage ich nichts weniger, als Liebe, die sich im Verzichten und Verzeihen übt. Das ist kein freies menschliches Verhältnis. An dem Sinn dessen, was wir einander sind, ist in
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| mir nichts geändert. Auch wenn ich mal nicht ganz fleißig schreibe, folgt daraus nichts, als daß ich Pflichten des äußeren und inneren Berufes zu erfüllen habe.
Solche Auseinandersetzungen wie diese, auch wenn sie Deinerseits mit einem vollen und opferwilligen Ausklang der Liebe enden, führen die Gefahr des Abbröckelns mit sich. Denn wenn sich so etwas immer wieder wiederholt – wo bleibt dann da das Vertrauen, das in mir ganz selbstverständlich ist? Wenn man schon vom Vertrauen redet, ists nicht in der Ordnung. Es betätigt sich täglich. Statt dieser langen Bogen könnten wir ein ganzes Stück zusammen weiter gelebt haben. Denn meine Tage sind inhaltreich. Aber ich komme nicht dazu, davon zu reden, weil wir lange Erörterungen haben, die mir wenigstens ein bißchen vom Zaun gebrochen erscheinen. Solche Anflüge von Selbstquälerei sind bei Dir auch früher dagewesen. Ich will um keinen Preis den Anschein erwecken, als ob ich sie niederschlagen wollte durch gewaltsames Beharren auf meinen Standpunkt. Ich frage nur:
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| Ist ihr Objekt klein? Dann wollen wir doch zumal jetzt das Kleine als klein behandeln. Ist aber ihr Objekt groß, dann kann es mir viel sein, daß in meinem Charakter dauernd starke Anstöße für Dich liegen. Und dagegen ist dann schlecht etwas zu machen. Denn ganz tiefgreifend ändert man sich doch nach 12 Jahren in seinen Beziehungen zueinander nicht mehr. Meinerseits ist mir, wie ich das wohl schon oft gesagt habe, nie der Gedanke gekommen, in Dir etwas anders zu wünschen. Ich sähe dich manchmal gern etwas selbstbewußter, aber auch dafür ist jetzt nicht recht die Zeit. Wenn Krisen von mir ausgingen, so handelt es [über der Zeile] sich meist um sachliche Fragen, über die man diskutiert und die, wenn man sich nicht einigt, auch wieder aus der Perspektive verschwinden. Aber über persönliche Beziehungen zu "diskutieren" hat wenig Sinn. Da muß Vertrauen sein, oder es hilft nichts.
Wenn wieder mal ein Brief ausbleibt – wie oft haben wir das schon ausgemacht, – dann genügt eine Karte mit einem Fragezeichen.
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Ob es nun Zweck hat, in dieser Art weiterzuverhandeln, ist mir zweifelhaft. Ich schlage deshalb vor, daß wir diese Phase unsres Briefwechsels abbrechen und uns der ergiebigeren Form wieder zuwenden, daß wir uns von unserm Leben erzählen. Dadurch allein kann "Teilnahme" und "Eingehen" stattfinden, und es bedarf keiner schmerzlichen Anstrengung, zum unpersönlichen Schatten zu werden, ein Gedanke, der nicht eben in der alten Tonart liegt.
Dem wüßte ich heut nichts weiter beizufügen, als daß ich vorhabe, ganz hartnäckig und unverbesserlich zu bleiben
der Deine.
Eduard.

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Nachrichtenteil:
1) Die Familie Lamprecht sucht meinen Rat und hatte Neigung, Politik zu treiben. Ich habe davon dringend abgemahnt. Meine Stellung ist um so schwieriger, als ich in der Kommission für die Neubesetzung bin, die schon 3 mal in 8 Tagen "gesessen" hat.
2) Das Gutachten für den Minister in 20 Foliospalten ist heute abgegangen.
3) Gestern rätselhaftes Telegramm brieflich aus Upsala "An Erzbischof Spranger [über der Zeile] ?, Upsala, Soyez tranquille pour Mr. Conrad. Mille remercimens. Salue. Eugenie Ingermann." Aufgegeben in Rußland.
4) Friedmann hat ausführlichen Brief über die schrecklichen Umstände bei seiner Gefangennahme geschickt.
5) Der Universitätsbetrieb – es sind kaum noch Männer da – wird einfach unerträglich.
6) Die Korrespondenz ist nicht mehr zu schaffen. Auch Brief v. Nieschling (demnächst.) Vom Registrator hat die letzte Karte Datum 26./5.
7) Morgner s. anbei.