Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 12. Juni 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 12. Juni 1915 Abends.
Liebe Freundin!
Woher es nur kommt, daß ich jetzt mit meinen Sachen garnicht mehr fertig werde? Vielleicht, weil mir jeder brauchbare Mitarbeiter fehlt? Oder aus Herabsetzung der psychischen Energie? Oder weil die Korrespondenz sich ins Maßlose gesteigert hat und ich dabei doch sehr viel ungeteilte Zeit zur Entwicklung meiner Gedanken brauche? Schließlich ist die Lektüre von ca 6 Dissertationen und 4 Staatsexamensarbeiten großer Ausdehnung auch mit zu rechnen. Und außerdem alles das, wovon ich jetzt erzählen will.
Also: es geht bei mir im Hause nicht liederlich zu. Die Vase war nur totgeglaubt. Eine andre hat sich den Hals gebrochen (wahrscheinlich war sie leider doch auch von Dir.) Aber ich freue mich nun, zwei von dieser Art zu haben. Das Messer war eine Notwendigkeit und ist sehr schön. Der liebe kleine Ring hat seine Kraft in den 2 Tagen, die ich ihn trug, entfaltet. Es kann ja gar nicht anders sein. Du hast Recht: es steht garnicht in unsrer Macht, an dem Sinn unsrer Bestimmung für einander etwas
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| zu ändern. Ist auch garnicht unsre Absicht. Über den Ring selbst habe ich viel nachgedacht. Erst dachte ich, er wäre aus Haar, und erstaunte nicht sehr, daß es mir auch da ausging. Das traf wohl nicht zu. Aber um ihn zu erhalten, mußte ich ihn nun in den Schreibtisch legen. Der Maikäfer erfreut mich durch die Scheußlichkeit seiner Figur andauernd.
Die Kommission für Lamprechts Nachfolge wird morgen die 5. Sitzung in 14 Tagen haben! Sie sind ohne erfreuliches Ergebnis und selbstverständlich ohne alle Pietät für den Verstorbenen. Meine objektive Haltung hat mich in fatale Verwicklungen gebracht. Die Gegenpartei rechnet mich (sachlich mit großen Recht) zu den ihren, und die Freundschaft mit Seeliger und Brandenburg ist sehr dick. Als Mensch und privatim aber habe ich der Tochter Lamprechts einen Rat geben müssen. Ich habe ihr, als sie mich zu sich rief, gesagt, sie solle alle Politik, vor allem jeden Eingriff in die Besetzungsfrage vermeiden, als ungehörig und hoffnungslos, solle aber die letztwilligen Bestimmungen ihres Vaters dem Minister mündlich und gleichzeitig in einer Denkschrift unterbreiten. Diesen Rat hat sie nun befolgt. Er ist m. E. korrekt (bitte um Deine Ansicht.) Denn da ich zu dem Verstorbenen
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| im ganzen gut stand, mußte ich ihr doch sagen, wie sie im Sinne der Pietät wirken kann. Ich kann, zumal als Kommissionsmitglied, nur im Sinne der Sache wirken und habe nun weitere Korrespondenz mit ihr abgebrochen. Aber es schlug bei Seeliger wie eine Bombe ein, als der Minister sagte (bei der Beerdigung Briegers), daß Marianne L. am Montag bei ihm eine Audienz hätte. Wenn herauskommt, daß ich den Anlaß gegeben habe, wird man mich auffressen. Was sollte ich ihr aber raten, als diesen durchaus formellen Weg - denn der Minister ist Instanz für die Institute (z. B. auch für meines), und die rechtlichen Verhältnisse betreffs des Eigentumes an der Bibl. sind wirklich ganz ungeklärt, da L. in den Büchern s. Instituts z. T. sein privates Exlibris hat.
Von der endlosen Frauenhochschulsache mag ich nur sagen, daß sie wirklich wie ein Bandwurm nicht nur durch meine Tage geht, sondern an meinen Eingeweiden frißt, und noch nicht 1 Schritt vorwärtskommt, woran im Grunde Volkelt schuld ist, der die Gegenwart und ihre Bedrängnisse absolut nicht versteht. Und in dieser Sache zuletzt fast täglich Besprechungen.
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Über den beiliegenden Brief an Hofmann wollte ich ursprünglich vorher Deine Ansicht hören. Doch ist die Antwort so konform mit meiner ganzen Stellung zur Sache, daß ich sie in diesem Bewußtsein unmittelbar nach Empfang abfaßte und nunmehr heute absende.
Der gestrige und heutige Tag war sehr anstrengend. Um 8 Kolleg, dann Frauenhochschulsitzung mit Volkelt, dann Vorbereitung aufs Seminar, um 5 mit schwarzem Rock, Überzieher u. Cylinder bei schwülem Gewitterregen zur Beerdigung von Brieger am Völkerschlachtdenkmal, den ich wirklich als Menschen geliebt und verehrt habe als einen einzigartigen echten Christen. Dort traf ich Lenz, der aus H. gekommen war. Die Trauerfeier konnte ich nicht zu Ende mitmachen, mußte zu meinen Übungen. War es nun objektiv begründet, oder Nervosität, oder der Wunsch, Abendbrot zu essen, - kurz nach 9 erklärte ich meiner "Strickschule" (wie meine Kollegs jetzt allgemein an der Un. heißen): wenn sie sich nicht besser präparierten, verlöre ich die Lust an der Sache. Ich wäre eine lebhaftere Diskussion in m. Übungen gewöhnt. "Der Sinn eines Seminars ist der, daß Sie arbeiten." Damit machte ich mein Buch zu und ging mit Herrn Schröbler essen. Um 10 fuhr ich zu Brandenburg, der aus dem Felde wegen Lamp. beurlaubt ist, und saß dort mit Lenz, Seeliger etc.
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| bis 12 Uhr. Schleifte Lenz nach Hause und in meiner Schlußsitzung zu Haus entnahm ich noch aus den Zeitungen, daß wir am 9/10. Juni von Dnjestr bei Zurawno eine erhebliche Schlappe hatten. Eine Kompanie vom Regiment des Registrators soll dabei [über der zeile] im ganzen 6500(??) gefangen sein. Vielleicht auch er? (NB in der Voß soll gestanden haben, daß ein Oberarzt Friedmann in russ. Gefangenschaft gestorben sei?)
Heute morgen sollt ich Lenz zur Bahn bringen. Er wollte aber [über der Zeile] plötzlich zu seinem Sohn (Artillerieleutnant) nach Abenstein fahren, pumpte mich um 500 M an und lief geduldig mit mir zu allem was ich vorhatte, passte auf m. Seminar, besah die Institute, hörte mit mir die maßlos geistlose Antrittsrede des Forschungsreisenden Hans Meyer (Bibliograph. Institut) als Prof. d. Kolonialgeographie und aß dann in Auerbachs Keller als mein Gast. Etwas ermüdender Tag, aber es ist wirklich mit ihm so nett und natürlich, daß ich wahre Freude an allem hatte. Wir passen ausgezeichnet zusammen. Schade, daß er nun auch schon 65 ist. Der Abschied war ordentlich rührend. Abends dann Biermann in Sachen Frauenhochschule. Verzeih also meine Müdigkeit.
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Aus deinen Äußerungen über m. Lamprechtartikel entnehme ich, daß er für Nichtkenner schwer zu verstehen ist. Er ist in der Tat auch wieder mal sehr komprimiert. Ein Teil der Schwierigkeit beruht auf L.s eigenen Unklarheiten. Denn die Kunst ist wirklich kein ganz sicherer Index des ganzen Lebens. Aber der Gedanke selbst ist doch nicht übel. Und er müßte Dir doch auch naheliegen. Man vergleiche eine mittelalterliche Madonna mit einem Rembrandt, darin liegt doch ein ganz verschiedenes Seelenleben. Diese Absichten sind alle eminent geistvoll; von der Kommission versteht eigentlich nur der Kunsthistoriker <Wort/Name unleserlich> das Gute daran. So weit ich bisher gehört habe, hat man an meinen Aufsatz nirgends Anstoß genommen.
Die Broschüre von kl. Scholz - es ist recht, daß Du sie dem Vorstand von uns geschickt hast - hat viel Gutes, reicht aber an meine Stellung immer noch nicht entfernt heran. Die Voraussetzungen, von denen ich ausgehe, sind einfach, sie werden aber in der Durchführung höchst kompliziert (wie bei einer Rechnung, die doch zuletzt auf dem Einmaleins beruht.) Im Kolleg bin ich eben bei diesen Fragen. Der kl. Scholz hat zu wenig Ahnung vom juristischen Denken. Der Staat ist aber zugleich Macht - und
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| Rechtssubjekt. Seine Sittlichkeit ist also durch dies beides bedingt. Ich bin in diesen Fragen sehr viel weiter gekommen. Aber das steckt vorläufig nur in meinen Vorlesungszetteln. Übrigens habe ich immer noch 100 - Leute, nicht Mann.
Mit Willy Böhm habe ich nach Weimar ein paar Zeilen persönlicheren Charakters gewechselt. Seine Antwort von heute ist aber so bodenlos ohne Verständnis, daß ich - ohne jede Verstimmung - diese Freundschaft als eine am Kneiptisch entstandene betrachte. Und Ludwig - abgesehen von seinem bis heute fehlenden Dank für Geburtstagssendung zum 7. März - hat mir auf einen warmen Brief nicht eine Zeile geantwortet. Du weißt, er ist Soldat.
Mein Onkel leidet an einer Flechte bösartiger Natur. Ich kann ihm leider keine lange Frist mehr setzen. Ein andrer Onkel von mir ist an ähnlichen Symptomen hingesiecht.
Ich merke, daß ich heut nicht mehr schreiben kann. Darum für heut "Gute Nacht!"