Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. Juni 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 13. Juni 1915.
Liebe Freundin!
Heute Vormittag 3 Stunden Kommissionssitzung, dann Staatexamensarbeit von Frl. Neumann (Schlafpulver), dann die philos. Dissertation eines Professors der Medizin [über dem Wort] (!), der jetzt Stabsarzt in Zeithain, sonst Anstaltsleiter ist, als ungeeignet zurückgeschickt, - und die Hoffnung, nach 8 Uhr noch ein wenig zu meinen laufenden Arbeiten zu kommen: das ist mein Sonntag.
Hat Hermann aus dem Pristerwald einmal geschrieben? Die letzten Berichte erwähnen von dort keine Kämpfe. Kurt macht wirklich eine Weltreise. Es ist bewundernswert, daß seine Gesundheit standhält. Ob wir nun in absehbarer Zeit Rußland wenigstens zur Untätigkeit bringen können? Ich glaube nicht recht daran, schon weil unsre Stellung an den Grenzen Galiziens militärisch wohl schlechter ist als in den Karpathen. - Mit dem Freunde Heinzelmann bitte ich auch meine
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| Verbindung aufrecht zu erhalten. Es ist absolut unmöglich, daß ich nur durch meine jetzige Korrespondenz durchkomme, ohne alles andre zu lassen.
Ein Wort noch über Dein Verhältnis zu Mutter Sofie Riehl, die jetzt im Sanatorium Dr. Amelung, Königstein/Taunus ist. Sie hat sich über Dich immer nur in Wendungen des tiefsten Verstehens und einer ganz außerordentlichen, vertrauenden Hochschätzung geäußert. Ich glaube, wenn jemand ganz begreift, was wir einander sind, so ist sie es. Über das andre hat sie sich nie geäußert: aber ich glaube es so richtig zu deuten: Sie hat das Gefühl, daß sich zwischen Euch nicht gerade ein dauerndes Verhältnis bilden kann, weil sie gewiß ist, Dir nichts geben zu können, was Du nicht schon hättest. Und ich habe öfter gefunden, daß sie nur da im Schreiben etc. fleißig ist, wo sie denkt, etwas in dieser Richtung wirken zu können. Es wäre mir lieb, wenn Du die Sache auch von dieser Seite sähest. Umgekehrt ist es ja
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| ähnlich: Du würdest ihr auch nicht dauernd zu schreiben in Dir Anlaß oder gar Antrieb finden.
Es ist mir eine wahre Freude, daß Du mit den Schnitzstunden Gutes wirkst. Nur nicht zu viel, d. h. gegen die Gesundheit arbeiten. In dem s. Z. nicht abgesandten Brief stand auch eine Mahnung nach dieser Richtung.
Bei dieser Gelegenheit muß ich doch bemerken, daß meine Nerven sich an das abscheuliche Klima hier völlig adaptiert haben und daß ich meine große Arbeit seit fast einem Jahr ohne Schwierigkeiten von dieser Seite leiste.
Geregnet hat es hier leider lange nicht genug. Die Ähnlichkeit mit 1911 ist wirklich verdächtig. Ob der Sommer auch so gut endet wie damals? Er täte es, wenn er den Frieden brächte. Danach sehne ich mich von Tag zu Tag mehr. Der Mensch der Gegenwart kann nicht mehr so lange im Kriege leben. Hoffentlich kommt dieses Erlebnis allgemein, doch ohne Nachteil für das, was aus diesem Kriege erwachsen muß, wenn er Sinn haben soll.
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"Verwirklichung des Wesens in der Erscheinung." Sieh mal - bei allem Respekt und allerhand Hochachtung: das ist so eine Wendung, von der ich nicht allzuviel halten kann, weil sie nichts aufklärt. Es ist das etwas spekulative Scholastik. Denn woher kennen wir denn das Wesen als aus der Erscheinung? Du denkst die Sache (wie oft) religiös. Aber dafür ist mir der Ausdruck dann wieder zu metaphysisch.
Morgner hat zuletzt am 5. Juni geschrieben. Um den Registrator bin ich (s. Beil.) in ernster Sorge.
Für heute muß ich schließen. Ich grüße die liebe Tante, die hoffentlich beruhigende Nachrichten aus Aachen hat, und bleibe
in alter inniger Liebe
Dein dankbarer
Eduard