Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Juni 1915 (Leipzig)


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Leipzig, den 18. Juni 1915.
Liebe Freundin!
Nach meiner gestrigen Karte habe ich Neues heut nicht zu berichten. Nur ein Wort über einen Plan, der mir kam. Es ist selbstverständlich, daß es mir am angenehmsten ist, wenn dies Jahr von meinem Geburtstag keine Notiz genommen wird. Aber eine Begegnung auf halbem Wege wäre ja wohl keine Versündigung am Geist der Zeit, obwohl in mir immer eine Stimme opponiert, wenn man sich jetzt etwas Persönliches gönnt. Die Sache hat nur ihre technischen Schwierigkeiten. Wenn wir Erfurt oder Gotha wählen, so kommen, nach m. Informationen, nur 6 Stunden heraus, die in dieser Jahreszeit kaum lohnen. Fügen wir aber den Abend hinzu und reisen wir erst Montag ab, so wird die Sache verteuert, und es bleibt immer noch wenig genug. Die 2 Tage in Weimar haben über 30 M gekostet. Nordhausen liegt den Zügen nach noch ungünstiger. Dazu kommt seine Häßlichkeit. Man müßte mindestens versuchen, bis Waltenried weiterzukommen, was wieder nicht gehen wird. Endlich fehlt es nicht an einem letzten Knoten: Ich habe eine Einladung zu einer polit. Akademikerversammlung in Berlin am 20.VI. Die Denkschrift konnte ich noch
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| nicht lesen, weil sie eben erst kam. Doch stehe ich zunächst nicht ganz auf ihrem Boden und kann auch am 20. schlecht fort. Nur wenn die Fahrt mir bei näherer Überlegung als Pflicht erscheinen sollte, werde ich sie unternehmen, aber mit Schmerz, weil dann 8 Tage später die Kasse leer ist. - Jedenfalls möchte ich Deine Meinung hören und Dich bitten, auch einmal die Fahrpläne zu studieren.
Unsre kleine "Auseinandersetzung" letztlich hat mich begreiflicher Weise veranlaßt, mit Breslau eine Klärung herbeizuführen, und ich halte es für recht, darüber noch einmal zu reden. Ich habe also geschrieben, daß ich alle Verantwortung für die Zukunft jetzt in ihre Hand legen müsse. Das Zurückhaltende in mir beruhe nicht auf irgendwelchen andern Gründen, sondern auf einer Schranke in mir , die ich eben nur konstatieren könne und über die mein Wille keine Macht habe. Nachdem dies ausgesprochen sei, solle sie nun über ihre Zukunft entscheiden: entweder sei nach dieser Erklärung der Zeitpunkt, auseinanderzugehen. Oder aber es bleibe wie bisher, aber eben mit jener Schranke und ohne alle Bindung*) [Fuß] *) wie auch sonst immer wieder betont. meinerseits. Sie solle sich das mit tiefstem Ernst vor sich
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| selber überlegen; denn von dieser Stunde hänge ihr Lebensglück ab; über das weitere hätte ich keine Macht.
Darauf erfolgte die beiliegende Antwort. Ob Du sie lesen willst, steht Dir frei. Niemals gebe ich sonst Briefe so persönlichen Charakters aus der Hand. In diesem Fall aber ist es mir doch wie eine heilige Pflicht, da ich zwischen Dir und mir jede Unklarheit fernhalten will und der Inhalt selbst sagt, daß ich in diesem Fall recht handle. Da das Urteil durch physiognomische Momente mit bestimmt zu werden pflegt, so füge ich - übrigens aus keinem andern Grunde - ein Bild bei.
Ich muß hier noch einmal betonen, daß meine seelische Beziehung nach Breslau hin noch heute in nichts anderem besteht, als in der Dankbarkeit für das entgegengebrachte Empfinden, daß aber die eigentlichen Tiefen meiner Seele unberührt geblieben sind.
Dies ist der letzte Zusatz zu jener Phase unsres Briefwechsels, und ich hoffe, daß auch er dazu beiträgt, etwa aufgetauchte Schatten zu verscheuchen und helles Licht zu verbreiten.
Heute kam mal wieder ein Brief v. Frau Paulsen. Sie fragt nach Dir; vielleicht kannst Du mal eine Karte schreiben. (Frau Rohn erzählte mir auch, daß Du ihr geschrieben hast). Von Morgner u. vom Registrator noch nichts.
Du weißt, heut ist Seminar, u. da ich mich immer sehr fleißig vorbereite, ein gedrängter Tag. Die Gesellschaft hat auch sichtlich mindestens die Räume benutzt in der letzten Woche. Wollen mal sehen, was sie kann.
Der Mensch hat immer Pläne. Ich denke daran, die große Arbeit der Übungen als Heft II der von mir herausgegebenen Sammlung zu benutzen. - Qui vivra verra. - Ich muß noch an Frau Paulsen schreiben. Daher Schluß. Bitte möglichst bald um Nachricht wegen Punkt I.
Viel/treue Grüße wie stets
Dein
Eduard.