Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juni 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel: Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.>
29.6.15.
Liebe Freundin!
Hoffentlich waren Deine Eindrücke in Bernburg heut so, daß nur die Freude des Wiedersehens zur Geltung kam und keine Sorgen für die Zukunft bestehen bleiben. Ich hoffe morgen eine Karte mit Nachrichten zu erhalten.
Unser Wiedersehn hat meine Seele erfrischt und mir von neuem das Heimatsgefühl gegeben, das ich immer in Deiner Nähe habe. Vielleicht hängt es mit diesem Aufhören der sonst unausgesetzten Energie und mit diesem Sicherheitsbewußtsein, daß Du da bist, zusammen, daß ich dann physisch immer auffallend zusammenklappe. Ich muß dafür um Deine Nachsicht bitten.
Nachmittags in der Sitzung, die wie vorausgesehen negativ verlief, konnte ich mich kaum verständlich machen. Heute früh habe ich bis zum letzten Augenblick geschwankt, ob ich lesen könnte. Ich führte dann aber die Stunde durch und bin auch mit dem Allgemeinbefinden, abgesehen von der starken
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| Müdigkeit recht zufrieden, was sich vor allem in dem Normalverbrauch an Cigarren äußert - ein beruhigendes Symptom.
Frl. Stolze hatte mir im Nebenzimmer einen ganzen Geburtstagstisch zurechtgemacht. Sie selbst hatten eine Briefetagere und Nelken gestiftet. Zu den bereits vorhandenen Blumen waren noch welche von Schröbler und Möckel gekommen. Briefe von Schröbler, Möckel, Anna Ludwig (Schwester, Fritz ist am 25.6. ins Feld, via Thorn!), Tante Bertha Koch - Cöln (sehr lieb.), Heinrich Scholz (ganz rührend.) Ernst Körner (Koch beim Kronprinzen.), Vetter Imhülsen, Frl. Häuseler, Preßler etc.
Wie mir mein Vater schreibt, waren Frau Ludwig (Fritzens Frau) und Klara Runge in Ch. Ulrich Z. hat dorthin depeschiert.
Eine der größten Freuden an m. Geburtstag war es mir doch, daß alle Freunde im Felde an diesen Tag denken konnten, daß sie also leben, und daß hoffentlich uns noch eine gemeinsame Zukunft beschieden ist.
Es ist nach solchen Begegnungen immer doppelt schmerzlich, daß man den regen Austausch nicht schriftlich
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| so fortsetzen kann, wie es mündlich möglich war. Von den Briefen teile ich die inhaltreicheren mit, wenn ich sie beantwortet habe. Hier folgt sogleich der von Heinzelmann (an dem ich nun einmal zum Defraudanten werden soll) und der neueste aus Breslau.
Es kann Dir nicht entgangen sein, daß ich nicht viel nervöse Spannkraft mehr habe, nach diesen 5/4 Jahren unausgesetzter Arbeit und Aufregung. In solchen Zuständen kann ich oft nicht die Entscheidung finden, wo ich Nachm. hingehen soll; noch schwerer aber finde ich dann die rechte Stellung zu Menschen. Wir haben über den Fall Conrad eingehend gesprochen. Der Erfolg war, daß ich im Augenblick der Heimkehr das Gefühl haben sollte, ungerecht gewesen zu sein. In dem Fall Hofmann war ich zu vertrauend - es kam die Enttäuschung; hier bin ich vielleicht zu kritisch u. sehe deshalb ganz einfache Dinge nicht. Es ist sehr wichtig, daß jemand mein schwankendes Urteil unterstützt, und ich bin Dir sehr tief dankbar dafür, daß ich mit Dir so ganz frei darüber reden konnte.
Richtig bleibt, daß ich S. nicht kenne. Aber eben im Augenblick der Heimkehr las ich etwas, das mir wie ein Blitz vieles in ihrem Wesen erhellte und was auch Dir alles in andrer Beleuchtung erscheinen lassen wird.
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| Sie schickt mir " Fontane, Vor dem Sturm". Auf dem Titel steht: "Suche aber Menschen, denen Du zutraust, daß sie Dich in Deinem Edelsten und Reinsten verstehen und unterstützen können. Und sprich zu Ihnen, ganz einfach, kühn und vertrauend" diese Worte haben mir oft Mut und Kraft gegeben. -
"Vor dem Sturm"
und bis heute.
S.
Und der beiliegende Brief zeigt doch gewiß eine reine, gute Seele. In dem Fall Hofmann habe ich gedacht, eine Pflicht unter schwierigen Umständen ausüben zu müssen, weil in mir gerade diese Kraft ist. Hier haben mich ähnliche Gefühle bewegt. Aber wie weit reicht dies nun? Ich bin, wie Du weißt, einer von denen, die am Menschen und seiner Art zu sein eine Freude haben, wie andere an Blumen und Landschaften. Ich habe dies manchmal einen "Goldblick" genannt und beklage den Fall Hofmann, weil er diesen Blick doch etwas Lügen strafte. Aber wie ich den ganzen Fall S. C. hineinkam, das verstehe ich nachträglich noch immer sehr gut mit folgendem: Es ist da unter m. Studentinnen eine andere Susanne - ich kenne sie absolut garnicht, auch nicht aus Gesellschaften. Sie hat nie Zeichen v. Intelligenz gegeben, nie eine Freundlichkeit erwiesen, sie ist nicht hübsch, sondern rundlich, sie ist nicht tief, sondern heiter. Und doch habe ich aus dieser
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| Form der Beobachtung das Gefühl: in dieser Hülle steckt eine wertvolle, kerngesunde Menschennatur. Ich bin Gottlob außer aller Gelegenheit, es ihr zu sagen oder anzudeuten. Aber ich bin fest überzeugt: wenn ich diese ästhetische Freude einmal äußerte, würde sie darunter auch nichts andres verstehen als "Heiraten". Und das ist eben das Dilemma: ich war "in diesem Sinne" wohl in alle meine Schülerinnen früher verliebt; aber ich habe das doch nie verwechseln können mit der starken individuellen Konsonanz, aus der eine Gemeinsamkeit des Lebens folgen könnte.
Im vorliegenden Fall fürchtete ich nun ganz besonders, daß dem Vater etwas zugestoßen sein könnte u. daß er nicht mehr zurückkehrt. Erstens aus menschlichem Gefühl. Zweitens, weil dann alles viel schwieriger wird. Denn im stillen wollte ich den hoffentlich nicht fernen Tag, wo auf dem wiedererstandenen Althof alle sich fröhlich vereinten, zu einer milden, aber um ihretwillen endgiltigen Klärung benutzen. Denn der Zustand, wie er jetzt ist, schädigt nicht mich, sondern sie.
Nun aber genug von diesem verwickelten Thema.
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| Fräulein Scheibe bitte ich mitzuteilen, Du hättest mich ganz außer dem "Einband" getroffen. Sodann erbitte ich Mitteilungen über die Aachener Reise. Sie sollte jedenfalls so gestaltet werden, daß sie weder für Dich noch für die Tante zu anstrengend wird.
Ich muß für heute schließen, weil ich noch ein paar Dankbriefe schreiben will und dann wieder an die Arbeit muß. Ich danke Dir für die beiden Tage im Harz, ich danke Dir, daß Du bist.
In Liebe stets
Dein
Eduard.