Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Juli 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel>
Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
5.7.15.
Liebe Freundin!
Nur das Surrogat eine Briefes kommt hier, obwohl ich gern recht viel auf Deine beiden letzten Nachrichten aus der Bahn schriebe.
In Aachen ist man gewiß dem Krieg viel näher. Hoffentlich ist für Dich die Zeit friedlich, ohne unvernünftige Anstrengung, da es doch gewiß dort besonders heiß ist? - Daß Hermann in Souchez ist, gefällt mir wenig. Um so mehr freute ich mich, daß es Kurt gut geht. Von Morgner kommen jetzt täglich Nachrichten, eine vorgestern vom 19.6.! ("aus mil. Gründen verzögert".) Er ist jetzt in Roulers. Vom Krieg schreibt er fast nichts, das wird Verfügung sein. Dafür steht an der Spitze immer: "Lieber Freund Spranger", eine Imitation meiner Anrede; na, der Gesinnung entspricht es. Und wenn ich ihn später mal examiniere, soll es mich doppelt freuen, daß er die größere Prüfung überstanden hat.
Meinen Katarrh bin ich seit gestern fast ganz los. Bis dahin hatte ich enorm zu tun gehabt, ohne rechte Freude am Betrieb. Sonst ist nichts
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| Neues vorgefallen. Nur m. Vetter Carl mit Frau u. 2 Kindern war am Dienstag auf 2 Stunden hier.
Der Zustand meines Onkels erregt dauernd Bedenken. - Der Registrator hat inzwischen nichts Neues geschrieben. Der Ort hieß Zurawno. Es wird gewünscht, den Truppen in Galizien jetzt keine Pfandpakete zu schicken.
Dein Brief zwischen Halle und Bernburg hat mir tiefen Eindruck gemacht. Wenn ich auch nicht auf jedes einzelne eingehen kann, so bitte ich, da von meiner Dankbarkeit und meinem Verständnis überzeugt zu sein.
Sprechen und Schreiben haben mir über die Situation die Augen geöffnet. Diese Beziehung hat keine Zukunft; sie reicht nicht in meine Tiefen. Ich empfinde auch immer deutlicher, daß ich nun schon mindestens 5 Absagen geschrieben habe, und keine angenommen worden ist. S. hat als Mensch, als Natur ihre Vorzüge. Wenn ich ihr näher kam als anderen, so lag dem etwas zugrunde, das ich noch einmal aussprechen muß, obwohl ich selbst empfinde, daß es nicht ganz hoch gedacht ist. Eben weil sie an mein Tiefstes
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| nicht heranreicht, nahm ich an, daß sie auf den Platz passen könnte, der noch frei ist: Verwalterin des äußeren Lebens und der täglichen Dinge. Sie selbst hat immer wieder gesagt, daß sie mir mehr nicht bieten könne. Für sie wäre es also keine Teilung. Aber für mich. Ihre scheinbare Neigung zur Reflexion ist tatsächlich nur dadurch veranlaßt, daß sie fühlt, wie weit mein Leben über ihre innere Kapazität hinausgeht. Tragisch für sie.
Die Lage des Vaters ist ganz unklar. Ich soll nochmal an Frl. Ingermann schreiben. Aber ich fürchte, daß ich diese dadurch selbst gefährde. Nach Breslau ist sie gegangen, weil sie dort bei Verwandten leben kann und weil (irriger Weise) die Universität besser erschien.
Ich muß fort. Ob Du ein Gefühl dafür hast, wie dieses immer gehetzte Leben aufzehrt? Diese nie gemilderte Last uneingelöster Verpflichtungen, enttäuschter Ansprüche andrer? Mich kann das oft ganz menschenfeindlich machen. Ich komme zu nichts u. verbrauche meine Kräfte, freudlos und ohne inneren Gewinn.
Der Tante herzlichen Gruß u. Dank. Euch beiden alles Gute und Dir meinen innigsten Dank, daß ich so frei über alles mit Dir reden darf.
Leb wohl!
Dein Eduard.