Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 17. Juli 1915


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17.7.15.
Liebes Kind!
So eine Woche ist noch garnicht dagewesen; ich bin wie ein gerupfter Vogel. Konnte daher auch inzwischen nicht schreiben.
Meine Hauptangelegenheit war mit jenem einen Tage glücklich und glatt erledigt. Mit Sonntag begann dann aber die Frauenhochschulsache, die sich zu einer ernsten Krisis zugespitzt hat. Man kann sagen: Wie sich die Sache auch entwickelt, sie muß für mich immer eine Fatalität werden. Einzelheiten kann ich nicht schildern. Ich habe noch am Freitag spät Abends an Volkelt einen langen Brief geschrieben, worin ich ihm die ganze Sache historisch darstellte, daß wir seit einem halben Jahr vergeblich ringen, zu Worte zu kommen. Man hat Versuche gemacht, uns beide (Biermann u. mich) zu halten. Diese Versuche sind aber nur
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| schwächlich und scheitern an Biermanns (wahrscheinlich klüger) Konsequenz. Ich (allenthalben als gutmütiges Luder bekannt) hätte mich wohl auch in Verhandlungen eingelassen. Nun ist aber damit gesagt, daß die Hochschule kaput geht. Sämtliche Studierende beider Abteilungen haben sich - die einen mit B. die andern mit mir - solidarisch erklärt. Meine Abteilung hat in ihre Eingabe ans Kuratorium, die von rührendem Vertrauen zu mir zeugt, einen Ton von solcher Schärfe angeschlagen, wie ich niemals den Mut hatte. Er ist fast drohend. Sie verlangen durch Abordnung an der Kuratoriumssitzung teilzunehmen. Zu dieser Sitzung aber gehn wir nicht. Die Zeit ist versäumt, die wichtigsten Mitglieder sind verreist. Wir sind müde und verärgert. Es ist mir sehr schmerzlich um Volkelt. Durch seinen Eigensinn, der 90jährigen durchaus alles Unliebsame zu ersparen, hat er die Hochschule an den Rand des Verderbens gebracht und sich selbst unmöglich gemacht. Wenn ich siege und quasi Dictator perpetuus werde, so liegt erstens der Mord der beiden Alten auf meinen Gewissen
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| (nach außen hin), zweitens habe ich die ganze verantwortungsvolle Arbeit, von der V. nichts gewußt hat, und drittens stehe ich dann allein, weil (vertraulich) Biermann wohl am 1.X. einem Ruf nach Posen folgt. Dies ist mir sehr schmerzlich. Denn er ist hier sozusagen mein letzter lebendiger Freund.
Mit all diesen Dinge habe ich nun endlose erregte Beratungen gehabt. So wird es auch die nächste Zeit noch gehen. Am Donnerstag früh kam dann Frl. Thümmel auf der Durchreise zur Hochzeit ihres Bruders in München und blieb bis Freitag Mittag. So erfreulich mir dies freundschaftliche Zusammensein war, so unmöglich ist es mir, die 8 Stunden wieder einzubringen.
Ich schicke deshalb einiges ohne Kommentar. Zu dem Hoffmannschen Brief bemerke ich, daß ich ihn für eine Zudringlichkeit halte, nachdem ich mich vor der Zudringlichkeit seiner Frau nicht habe retten können. Er bleibt unbeantwortet. - Morgner hat mir einen Wald von Rosen geschickt. Und das Min. die Mitteilung, daß ich vom 1. X. an 7800 beziehe.
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| Bei den täglich wachsenden Verpflichtungen ist das nur erwünscht.
Aber ich komme nun zu dem Hauptberatungsgegenstand meines Briefes.
1. Annahme: ich werde im Schuldienst beschäftigt. Dieser beginnt am 19. August. Ich hätte also ca vom 3. bis 18. Ferien. Diese möchte ich auswärts verleben, da ich wirklich Erholung brauche, und Dein Plan mit Cassel ist da das erste, woran ich denke (vorausgesetzt, daß der Tante dadurch nicht eine neue Unruhe gleich nach der Aachener Reise bereitet wird.) So sehr ich all die Annehmlichkeiten der Augustastr. nach vielen lieben Erfahrungen schätze, möchte ich aber doch mit Dir beraten, ob nicht auch anderes [über der Zeile] für uns in Frage kommen könnte. Wir würden - im günstigen Fall - vorm. und Nachm. nach Wilhelmshöhe fahren. Ob man nicht mehr hätte an einem Ort, wo man dem Grünen unmittelbar nahe ist? Ich möchte Deine Ansicht hören. Dieser Ort ist schwer zu finden. Mitteldeutschland ist überfüllt. Teuer dürfte es nicht sein, denn mein Überfluß ist nur scheinbar. Ich habe im nächsten Quartal abgesehen von den laufenden Ausgaben für Ch. und mich 2500
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| M zu zahlen. Die 14 Tage dürften also nicht viel mehr als 200 M kosten. Wie und wo könnte das sein und ist es überhaupt klug?
2. Annahme: die Hochschule kommt zum Krach und die Trümmer bleiben in meiner Hand. Dann kann ich hier überhaupt nicht fort. Ich denke aber daran, mir in diesem Fall ein Zimmer im Vorort mit Gartenbenutzung zu mieten, schon damit Stolpes sich mal erholen können.
Über diese Fragen wollen wir zunächst so beraten, als ob Nr. 1 einträfe. Cassel? Ilmenau? oder wie ist es gar mit Heidelberg? (Sehnsucht ist da!)
Ich bitte um Deine Ansicht. Die Briefe kommen alle geschlossen an. Wie lange bleibt Ihr in Aachen? Hoffentlich ist bald alles fertig, so daß noch mal eine Ruhezeit kommt. Ich danke im voraus herzlich, daß Du mir einen Tisch bereitest wider meine Feinde. Alle Einzelheiten schiebe ich nun 14 Tage auf, in Hoffnung u. Sehnsucht.
Viel herzliche Grüße Euch beiden
Dein
Eduard.

[li. Rand] Lenz äußert in wirklich rührender Herzlichkeit sein Bedauern.
[re. Rand] Frl. Stolpe hat den Deutschen Dom mit - Stiefelwichse u. Kitt völlig restauriert!