Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23. Juli 1915


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23.7.15
Liebes Kind!
Kann im Augenblick auf Deinen lieben Brief nichts antworten, als daß alles auch mich bewegt u. ich dringend darauf Wert lege, daß wir uns in der 1. Hälfte des August auf 14 Tage treffen, wo es auch sei. Die Hochschulkrisis ist ungeheuer ernst geworden. Ich u. Biermann hatten heute eine Auseinandersetzung mit Volkelt, die das Verhältnis für alle Zeiten zerstört. Sie war eine der schwersten meines Lebens. Ich habe noch Herzerregung u. muß Abends Seminar halten. Das Ganze wird ein öffentlicher Skandal, weil sich sämtliche Studentinnen meiner Abteilung infolge m. Weggangs exmatrikulieren lassen. Wahrscheinlich ebenso in Biermanns Abteilung. V. hat hartnäckig seinen Standpunkt festgehalten, obwohl er alles kommen sah. Nun schieben sich die Parteien gegenseitig die Verantwortung zu.
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| Ich trage meine, gestützt auf die Alten, mit vollem moralischen Bewußtsein. Nur V. tut mir trotz allem leid.
Verzeih und versteh, daß ich in dieser Aufregung nichts weiter schreiben kann. Ich werde an dieser Sache allein 14 Tage zu erzählen haben. Sie ist, wie so oft, ein Sieg, aber mit blutigen Opfern. Ich denke, daß ich morgen ruhiger bin und dann auf unsre Pläne eingehn kann.
Heute nur einen innigen Gruß. Das Regal ist gestern gekommen, aber noch nicht ausgepackt. Die Briefe, die Du meinst, sind vollzählig.
Viele Grüße der lieben Tante u. Dir
Dein
wirklich recht nervöser
Eduard.