Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 25. Juli 1915


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25. Juli 1915 früh.
In Unruhe u. Eile!
Liebste Freundin!
Für alle Deine Mühen so schnell nach der anstrengenden Reise bin ich Dir innigst dankbar. Die Hauptsache ist, daß Du die Möglichkeit, Kurt zu sehn, hast und daß die Reise vorher nach Heidelberg nicht allzu angreifend wird. Sollen wir unser Treffen auf den 4. verschieben? Die Schule beginnt am 19. VIII. (anscheinend(?) bin ich dem Carola-Gymnasium überwiesen.)
Ich bin im Augenblick nicht sehr entschlußfähig und denkkräftig. Deshalb bitte ich Dich, für mich zu entscheiden. Ich will gewiß zufrieden sein und vertraue Dir ganz. Wo die Zeche Maria liegt, ist mir nämlich nicht ganz deutlich. Erwünscht wäre eine Gelegenheit bei gutem Wetter vor dem Hause im Freien (oder einen Gärtchen) zu sitzen. Sollte die
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| Zeche nicht mehr frei sein, so kommt vielleicht eine nicht allzu teure Villa in Betracht. Es ist nämlich zu berücksichtigen, daß Frau Prof. Biermann mit sämtlichen 4 Kindern im Schloßhotel lebt und daß es zu gegenseitigen Besuchen kommen wird, da unsre Freundschaft jetzt - ich kann wohl sagen: durch "Blut" besiegelt ist. Da das nun innerlich ein bißchen stört, [li. Rand] kein absolutes Hindernis: so komme ich noch mit Anregungen: Kragenhof? (ohne Kinder?) Karlshafen? Münden nicht. Guntershausen? Von da aus ist doch Kurt immer leicht zu erreichen. Ein bißchen Wasser auch sehr hübsch. Und wichtig ist, bei der Lage aller Dinge, daß die Postverbindung nicht zu langsam ist - Also ich bitte zu entscheiden. Wenn es für 14 Tage täglich 2 M mehr kostet, so ist das auch zu ertragen, wofern es dafür gut u. gesund ist.
Gegen Heidelberg sprechen nur Entfernung u. Kurt u. Klimagründe. Aber wenn ich Ruges helfen könnte, so wäre mir das nur wertvoll. Eine Habilitation hier ist jetzt unmöglich und
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| rettet ihn auch nicht. Aber Du mußt ihn genau ausforschen, nach welcher Richtung man etwa wirken könnte. Nur auf 2 Tage Heidelberg hätte wohl für mich keinen Sinn, so gern ich es wiedersähe.
Der lieben Tante bitte ich auch zu danken für das Büchergestell, das mir sehr wert sein soll und - wegen großen Platzmangels - gerade zur rechten Zeit ankam.
Ich habe es eigenhändig zusammengesetzt am Tage, nachdem ich die Hochschule zertrümmert hatte. Zwischen Volkelt und mir ist es aus. Auch sonst ist wohl manches zerstört. Ich kann im Moment von einem eigentlichen Siege nicht reden. Er liegt höchstens darin, daß die Studierenden der Päd. mit 1 Ausnahme sich gestern haben exmatrikulieren lassen. Sie sind ganz blind vor Dankbarkeit, daß ich mich so für sie eingesetzt habe, und denken vielleicht zu wenig an sich. Aber der Brief, den sie mir heute schreiben, ist ungefähr so, wie Maj. an Hindenburg oder Mackensen geschrieben hat, und da in solchen Dingen auch bei dem
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| besterwogenen Schritt ein Stachel des Zweifels bleibt, so ist mir dieser Brief ein Beweis, daß das moralische Recht doch wohl zum größeren Teil bei mir liegt. Auch sind heute - da die Krisis immer weitere Kreise zieht - von der Gegenseite die ersten Spuren des Nachgebens zu bemerken. Das Drama ist jedenfalls noch nicht aus.
Davon werde ich, unter Vorlegung der beiden Aktenbände, sehr, sehr lange zu reden haben. Also hoffentlich schon Dienstag [zwischen den Zeilen] über 8 Tage Abend. Ich muß Dich aber auch um einen Dienst bitten: Kollege Witkowski will auf 3 Tage mit Frau u. 2 halberw. Mädchen nach Cassel, um die Galerie zu genießen. Er sucht ein ruhiges u. nicht zu teueres Hotel. Ist da nicht eins an der Murhardbibliothek, das man empfehlen kann? Bitte nenne mir eins, da W. jetzt Volkelts nächster Freund im Kuratorium ist u. wir die persönl. Beziehungen aufrecht erhalten wollen.
Der Registrator im Feldlazarett wegen rasend geschwollener Füße, Erschöpfung u. Durchfall mit Blut seit 4 Wochen. Schreibt selbst, hofft noch weiter zurück zu kommen. Morgner schrieb zuletzt aus Marburg von der Fahrt nach Rußland!!
Am Kolleg u. Univers. habe ich wieder mehr Freude. Ich brauche auch Gegengewicht gegen H. f. F. Biermann ist fast den ganzen Tag bei mir oder ich bei ihm. Gleich um 10 kommt er. Wir bleiben <li. Rand S. 4> über Mittag zusammen. Er hat Energie u. Humor; aber schlaflose Nächte hat er jetzt auch.
<li. Rand S. 4>
Also: ein volles Vertrauensvotum, ein herzl. Gedenken auch an alle Deine Lieben u. - - auf Wiedersehen. Dein Eduard.

[re. Rand S. 1] Morgen habe ich Die Paeonia; bei den hohen Fleischpreisen!