Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26./27. August 1915 (Brest - Litowsk)


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Leipzig, Am 26. August 15. abends.
Brest - Litowsk.
Liebe Freundin!
In diesem Monat verflechten sich unsre persönlichsten Gedenktage mit den großen Erinnerungen des vorigen Jahres und den noch größeren Eindrücken der unmittelbaren Gegenwart. Es ist begreiflich, daß ein solches Erleben bald stolz emporführt, bald durch die Fülle der Gesichte erdrückt. Was wir beide in 12 Jahren zusammen gelebt haben, das ist unauslöschlich unsren Herzen eingegraben und nicht minder Realität als jenes Größte. Denn dem Schicksal der Vergänglichkeit ist beides preisgegeben und seine eigentliche Wahrheit hat auch das überindividuelle Geschehen nur in dem Brennpunkt der Seelen, die es in sich aufnehmen und dadurch mit einer Welt verketten, die - wir haben keinen andern Ausdruck für diesen letzten Wert - unvergänglich ist. Deutschland ist nicht auf der Landkarte, sondern es ist in unseren Herzen.
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Aber ebenso gewiß ist, daß mit der Teilnahme an diesem Geschehen unsren Herzen eine Aufgabe gestellt ist, die weit über das hinausreicht, was uns vor 12 Jahren den Inhalt gab. Damals handelte es sich um die gemeinsame Aneignung eines geschichtlichen Besitzes, und was wir hinzutaten, war nur eine individuelle Form dies alles zu erwerben. Heute handelt es sich um die Auseinandersetzung mit einer fließenden und werdenden Kultur. Feste Maßstäbe liegen nicht da; wir sollen sie am Erleben selbst erst schaffen.
Die Art, wie Du an diesen Dingen teilnimmst, ist echt und groß, wie alles, was je aus Deiner Seele hervorgegangen ist. Sie ist aber zugleich bestimmt durch das Vertrauen, das Du zu mir hast, und insofern fällt eine verantwortliche Leistung mir zu.
Die 8 stillen Tage, die ich hier verlebte, haben mich wieder "schmerzlich vor die Prüfung gestellt, welche Kräfte ich für diese Leistung mitbringe, und die Lektüre der "Wildente" war nicht gerade angetan, mein Selbstbewußtsein
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| zu heben. Ob die Schwankungen, die ich in mir durchmache, noch normal sind, oder ob sie das Zeichen einer ernstlich verringerten Produktionskraft sind, kann ich nicht sagen. Jedenfalls habe ich das Bedürfnis, Dir in einigen Linien noch einmal ein Bild zu geben von den Tendenzen und Widerständen, die in mir sind.
Eine starke Müdigkeit kann ich nicht ableugnen. Aber ihre Ursachen können verschieden sein. Ganz müde macht mich eigentlich nur Langeweile. Wenn ich deutlich sehe, daß ich etwas tun kann, bin ich auch tätig. Es wird mir immer klarer, daß die Erlebnisse aus der 2. Hälfte des März mich stark umgebildet haben. Meine Kraft zu liebevoller Teilnahme haben sie jedenfalls stark herabgesetzt. Das muß Dir verständlich sein. Man gibt eine Heimat nicht auf, ohne an vielen Stellen der Seele abzusterben. Aber vielleicht ist das jetzt auch garnicht mehr die Kraft, durch die ich wirken soll. Wo liegt aber die eigentliche Bestimmung? Ein merkwürdiger Zufall will, daß die 2 Seiten meines Lehrauftrages auch 2 Richtungen meiner eigentlichen Natur bezeichnen.
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| Entweder habe ich eine Rolle in der pädagogischen Bewegung der Gegenwart zu spielen. Dann brauche ich viel Berührung mit dem realen Leben, mit Menschen, Institutionen, Strömungen. Aber sobald ich mich dem hingebe, erwacht in mir eine Unbefriedigtheit, daß das doch nur ein Teil des Daseins ist und daß ich das Ganze nur in der Stille philosophischer Besinnung besitzen könnte. Oder dieses philosophische Ausreifen ist meine Kraft. Lese ich nun aber die moderne Philosophie, so stößt mich das Unfruchtbare der erkenntnistheoretischen Kleinarbeit, die nicht zum Leben hinführt, so ab, daß mit der Abneigung auch meine Fähigkeit zu begreifen gering wird. Und manchmal bin ich ganz verzweifelt über dies Unwissenschaftliche in mir, das mich bei den Büchern unruhig werden und keinen Gedankengang ganz ausreifen läßt. Eine dritte Not ist das schlechte Gedächtnis für alles, was mir nicht ganz eigen ist. Der Teufel will, daß ich mir absolut Assimiliertes behalten kann. Fremde Lehrmeinungen, selbst über Sachen, die mich fesseln, sind bald wieder fort.
Als ich 14 Jahre alt war, habe ich mir ganz ausdrücklich gestanden, daß ich nie Gelehrter
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| werden könnte, sonder höchstens Künstler. Es war etwas Richtiges daran. Denn das Bild vom Leben, das für mich leitend werden kann, wird immer mehr eine künstlerische Gesamtintuition sein, als eine ausgefeilte, exakte Einsicht.
So sind meine Lebensformen, von denen ich keine einzelne gelten lasse, in ihrer Gesamtheit eben eine Lebens"form", eine Lebensformung, die man hinstellen und aussprechen kann, die sich aber schlecht beweisen u. ableiten läßt.
Dazu kommt nun die konkrete Situation. Mir stehen jetzt 1 1/2 Monate - und selbst sie nicht ganz - zu freien Arbeit zur Verfügung. Diese 1 1/2 Monate würden bei meinem scharfen intellektuellen Gewissen noch nicht genügen, und die Auseinandersetzung mit der neuesten (z. T. höchst verworrenen) Erkenntnistheorie zu vollziehen. Sie würden - bei einigem Mut - genügen, um das Fundament meiner Stellung zum Leben hinzuschreiben. Du fühlst den Konflikt, der dahinter liegt.
Ist es nun Bestimmung, daß ich gerade jetzt zu Ibsen geführt bin? Du vermißt
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| bei ihm die positive u. produktive Lösung. Ja, die Lösung liegt doch in jedem seiner Dramen auf der Hand, ich möchte sagen mit einer erdrückenden Eintönigkeit:
"Sei ganz du selbst",
so tönt es immer wieder. Die Tragik seiner Helden ist allein die, daß es ihnen an dieser Kraft gebricht, aus Fülle der Rücksichten, aus kränkelndem Gewissen, aus physiologischer Schwäche, aus innerer Disproportionalität. Daneben steht dann immer die Frau, die - sofern sie reines Prinzip ist - die Möglichkeiten des Mannes erst ins Leben ruft, manchmal falsche in ihn hineindeutet, manchmal selbst in diesem Streben zerbricht, weil sie - wie Rebecca West - für sich allein doch nicht die Kraft zur Freiheit hat.
Auch ich leide am kränkelnden Gewissen. Der in Berlin wurzelnde Teil ist mir abgesägt, und das war Gesundung, sofern es mir Freiheit gab von sentimentalen Rücksichten. Aber nun kommt das wissenschaftliche Gewissen. Ein einziger anständiger Aufsatz über "25 Jahre deutscher
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| Schulpolitik" oder "Fröbel" oder "Theorie des Verstehens" würde 8 Wochen und mehr kosten. In der Ferne aber sehe ich dieses Gesamtbild, das andern leben helfen könnte, statt zu wissen. Deshalb habe ich hier die ersten 8 Tage ratlos geschwankt, allerlei angegriffen, allerlei mißmutig fortgeworfen, wie so oft schon. Aber das Leben ist nicht lang, wenn man das Amt abgibt.
Und nun andrerseits: habe ich schon genug "gelernt"? Da las ich ein Buch über Staatsbürgerl. Belehrung in der Fortbildungsschule, Kriegssachen. Ausgezeichnet! Warum aber war dem P.P.O.O. davon so viel unbekannt? Weil unsre Schule uns für Griechenland und Kunst, aber nicht für diese Welt erzogen hat, in der wir leben, und die wir doch auch gestalten sollen.
Das waren so meine Sorgen u. Zweifel in der letzten Zeit. Aber für heute genug von diesem endlosen Thema.

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27.8.15. Auch Du scheinst am kränklichen Gewissen zu leiden. Deshalb soll dieser Brief fort, ehe er eigentlich fertig ist, und ohne die beabsichtigen Beilagen, die dann das nächste Mal folgen. - "Was Sie denken, is nich"; Selbstquälerei ist nicht von besserer Güte als Quengelei. Ich bin durchaus "zufrieden" mit Dir.
Das mit den Pässen vom Osten hört man allgemein, auch hier. Aber es könnte ja auch eine Formalität, oder eine Fiktion sein, die Stimmung machen soll! Zunächst - u. das redet deutlicher - ist hier der Rest des Landsturms I. Aufgebots eingezogen worden.
Mit Herre habe ich nicht viel Politisches gesprochen. Von der Mekka nichts. Ich war in Delitzsch bei Bär, immer sehr ertragreich. Lasse jetzt den Katalog im Seminar machen, leider viel weibliche Eigenart. - Ein Brief vom - deutschen Alpenkorps mit Schlachtberichten folgt. Schicke doch an den Morgner etwas. Er klagt jetzt viel, weil er immer den Totengräber machen muß.
Ich schreibe bald wieder. Habe nur deshalb gezögert, weil etwas im Gange ist, dessen Entscheidung ich abzuwarten dachte. Ist aber noch nicht der Fall.
Wenn ich nicht gerade an unsrem Hauptgedenktage schreibe, so sei doch gewiß, daß ich an ihm fühlen werde was ich jeden Tag fühle: die Gnade und das Glück Dich zu haben. - Herzlichen Gruß auch der Tante.
Dein Eduard.