Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. August 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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<Stempel>
Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
30.8.15.
Liebste Freundin!
Der Stoff zum Schreiben ist mal wieder unerschöpflich; ich werde zum Schluß die Hälfte vergessen haben, denn es ist schon spät und ich habe heute schon 16 Seiten Briefe geschrieben, 3 Stunden Volksbibliothek besichtigt und allerlei andres gearbeitet.
Vor allem beschäftigt mich die Krankheit des Onkels. Die arme Tante soll wirklich aus den Aufregungen nicht herauskommen. Im ganzen ist der Onkel wohl jetzt wieder so weit widerstandsfähig, daß er auch eine Operation aushalten kann. Sicher käme er doch in die besten Hände. Sein etwas weichmütiges Verhalten zur Gegenwart ist wohl, wie in den meisten ähnlichen Fällen, die ich beobachtet habe, Folge einer erschöpften Konstitution. Fühlen doch auch wir, wie viel Lebenskraft die Zeiteindrücke verbrauchen. Viel Kapital habe ich aus Cassel nicht mitgebracht; gestern der schwer gewittrige Sonntag warf mich physisch und
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| psychisch wieder mal ganz nieder. Es war trostlos; aber ich kenne diese Zustände und warte hier einfach ab. Nur kommt jetzt nie mehr eine Zeit mit ganz freiem Horizont: immer türmen sich gleich Berge von Pflichten.
Deine Selbstanklagen sind ein Zeichen Deiner lieben, tiefen Seele, deren Güte ich ganz und garnicht verdiene. Aber sie sind auch ganz überflüssig. Ich muß mir wirklich Mühe geben, mich an den Anlaß zu erinnern. So sehr lebe ich im Bewußtsein und Werten des Ganzen am Menschen. Wir bleiben doch bei solchen Einzelheiten nicht stehen.
Heute bekam ich mancherlei Erstaunliches. Zunächst eine Karte von Gertrud Bäumer, worin sie teilnahmevoll fragt, welchen Erfolg ich denn in der H. f. F. mit ihrem Organisationsplan gehabt hätte; sie wäre sehr neugierig! - Nun habe ich nie einen zu sehen bekommen. Das schrieb ich ihr und gleichzeitig in 12 Seiten die ganze Tragikomödie.
Sodann einen Brief von der Mekka mit einer Beilage für Dich. Obwohl ich Dir alles
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| gönne, weiß ich doch nicht, wodurch Du so schlechte Verse verdient hast. Aber das Gemüt ist gut. Unter welchen Umständen kann ein gutes Gemüt als Entschuldigung für fahrlässige Poesie gelten?
Endlich ein Packet. So dumm bin ich nicht, daß ich es für einen Federhalter gehalten hätte; sonst wäre ich ein Fehlerhalter. Die Diagnose lautete auf Fahnenstange mit Fahnentuch, und ich sagte mir: "ein rechter Unsinn". Beim Auspacken nahm es mehr die Gestalt einer Fliegenklatsche an; auch das schien mir kein passendes Angebinde. Daß es aber so etwas Unpassendes sein könnte - ein Schirm für einen Professor - hätte ich nie gedacht. Nun, wir werden ja sehen, wie er stehen bleibt. Aber bedanken will ich mich doch, ehe es geschieht.
Dein eben heut Abend noch angekommener Brief bestätigt ja meine Meinung, daß allein jenes größere Werk wirklich mein Werk werden kann. Aber ich bin dazu augenblicklich doch zu erschöpft. Dazu kommt nun, daß ich durch ein seltsames
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| Mißverständnis Muthesius einen Aufsatz zusagen mußte. Ich habe ihn gleich angefangen, aber er fordert viel Orientierung, und so sehe ich mich wieder in der bekannten Zersplitterung, die die größeren Leistungen hindert. Vielleicht entsprechen diese kleineren Arbeiten der allgemeinen Zustimmung besser. Denn trotz aller Erfolge - wo ist das Ende? Wo geht die Jagd im Osten hin?
Die übrigen Eindrücke entnimmst Du am besten aus den beiliegenden Briefen, die Du mir vielleicht nach Einsicht bald zurückschickst. Ich erwähne nur noch, weil ich das nicht gut beilegen kann, daß ich zum ersten Mal von einer Studentin so eine recht unbefangene, vertrauensvolle u. vernünftige Frage um Rat bekommen habe, die mir beweist, daß sich solche Angelegenheiten auch von Damen ohne Ziererei behandeln lassen.
Ich erwähnte neulich eine Angelegenheit, von der ich glaubte, daß sie ihrem Abschluß nahe wäre. Diese Erwartung ist in ihr völliges Gegenteil umgeschlagen. Sie betraf mein Verhältnis zu Susanne Conrad. Die Abschrift meines Briefes gibt Dir ein Bild,
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| wie die Sachlage war. Das Schicksal hat gewollt, daß sie diesen Brief vom 21. erst am 28. (!) erhielt. Inzwischen schrieb sie wieder. Ich fragte telegraphisch an, ob sie denn m. Brief nicht bekommen hätte, und erfuhr des Nachts um 1/2 1, daß er doch noch eingetroffen war. Die Wirkung entspricht garnicht meinen Hoffnungen.
Sage mir, was soll ich nur mit diesem armen Wesen machen? Sie klammert sich mit einer rasenden Verzweiflung an mich. Käthchen von Heilbronn ist gegen sie ein Selbst. Aber ich ertrage diese ungeklärte Situation jetzt umso weniger, als sie in mir der erbarmungslosen Klärung entgegengegangen ist, gegen die der Mensch doch nichts machen kann. Du wirst meinem Urteil glauben, daß sie ein liebes, schuldloses, wahrhaft gutes Geschöpf ist, und daß ich ihr all die Wärme entgegenbringe, die ich für solche Kindergemüter habe. Aber sie träumt doch - auch wenn sie es sich nicht eingesteht - von einem Mehr als Freundschaft, das ich, erbarmungslos gesagt, nur für eine Frau haben
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| kann, die über mir steht.
Es wäre nicht recht, Dir ihre Briefe zu schicken, obwohl sie allein Dir ein Bild geben könnten von dieser seltsamen Mischung von grenzenloser Hingebung, Vertrauen, Glauben an ihre Bestimmung für mich neben Dir (wie sie ausdrücklich hervorhebt). Immer fester wird ihre Absicht, Dir zu schreiben. Ich finde das nicht delikat. Was soll auch daraus folgen? Du hast mit dem indifferenten Fall Hofmann genug Schererei gehabt.
Aber wie ich ihr antworten soll, ist mir gänzlich schleierhaft. "Wenn ich jetzt wäre wie Ihr und wäre wo ......" Jedenfalls muß ich sie schonen, weiter gut zureden, wie im März; sonst tut sie etwas Unvernünftiges. Und sie fleht , wenigstens alles zu lassen, wie es war; wir müßten uns noch einmal sehen, sprechen ...... Ist das Leben nicht auch in dieser Sphäre grausam wie der Krieg?
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Vor ein paar Stunden bekam ich von Agnes und Rosi die naturalistischen Bilder, eigenhändig an Herrn "Proffesor" addressiert; die Schleichkatzen haben auch unser Haus sehr hübsch photografiert. Beides kann ich erst später beilegen, weil ich es zur Antwort noch brauche.
Der Fröbel ist ein weit hellerer Kopf als ich. An Biermann will ich ihn aber erst geben, wenn ich weiß, daß ich noch 1 Exemplar haben kann. Und meine schöne Geduld! Die Bilder hätten sonst - bei längerer Belichtung - ganz gut werden können.
In einiger Zeit mache ich mal ein Packet, leider nicht mit so schönen Gaben, wie Du, sondern mit den verbrauchten Strümpfen und - dem Einzubindenden, wenn ich weiß, daß Du nicht zu Deinem großen Tagewerk Mühe und Quälerei dadurch hinzubekommst. Der Buchbinder macht es ja schnell u. billig.
Für heute muß ich schließen; denn ich habe der Gertrud Bäumer schon so viel geschrieben, daß nur noch ein Minimum
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| von Lesbarkeit übrig geblieben ist.
Dieser ganze Inhalt aber muß Dir sagen, daß Deine inneren Sorgen mal wieder - ganz dumm sind. Ich könnte das auch zarter ausdrücken, aber nicht kürzer.
Also in herzlicher Liebe,
Dein dankbarer
Eduard.