Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8./9. September 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
8.9.15.
Liebe Freundin!
Schreiben will ich, aber ich kann's nicht abschicken, weil ich nur die unzuverlässigen Couverts im Hause habe. Das würde zwar zu der unzuverlässigen Kinderhüterin ganz gut passen - und auch zu der weiblichen Eigenart.
Was ich vorgehabt habe? Recht viel aber nicht viel ausgeführt. Jeden Tag dieselbe Einteilung. Und vor allem Briefe, Briefe, Briefe.
Ich habe nun angefangen, das Kapitel über die Erkenntnistheorie auszuarbeiten und bin heut Vormittag mit den 30 Folioseiten fertig geworden. Scheinbar ein gutes Zeichen, weil ich bei den andern Sachen schon immer nach der 4. Seite stecken blieb. Aber ich muß bekennen, daß ich ohne tiefere Anteilnahme gearbeitet habe, so mehr wie nach ärztlicher Verordnung, jeden Morgen 2 Stunden, und war dann froh, die Gedanken daran los zu haben. Vielleicht wird es im Laufe der Zeit noch anders.
Jedenfalls waren meine lebhaften Gedanken die ganze Zeit bei Ibsen. Ich habe die 360 Seiten
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| Dissertation von dem 26jährigen Menschen gelesen, wie man ein spannendes Buch liest. Meinerseits kenne ich nun alle späteren Werke (nach Brand) mit Ausnahme von Kl. Egolf u. Volksfeind, im ganzen 13 - 14. Beides zusammen hat mir einen neuen Impuls gegeben, und deshalb verstehe ich nicht ganz, was Du dem Mann vorwirfst. Denn darin möchte ich ihm unbedingt recht geben, daß das eigentlich kein "Leben" ist, was wir leben. Und wenn er daraus Tragödien macht, so ist es nur recht. Was er darüber hinaus zeigt, ist mir zu einseitig auf das Problem der Ehe zugeschnitten; aber auch darin steckt doch Wahrheit. Und außerdem finde ich bei ihm eine solche Kraft der Charakteristik, daß ich beinahe mit seinen Gestalten gelebt habe diese Zeit über. Psychologisch war mir dabei interessant - da ich zum ersten Mal so einen Dichter von vorn bis hinten las - das Typische nicht nur der Situationen, sondern auch der Menschen, so daß ich oft den Eindruck hatte: er kennt eigentlich nur einen Menschen, besser einen Mann und eine Frau, und die übrigen Personen entstehen dadurch, daß er Seiten, die in den Zentralgestalten enthalten sind, zu besonderen
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| Figuren auseinanderlegt. Unendlich viel könnte ich darüber noch sagen, aber es würde für einen Brief zu lang werden.
Den Brief meine Vaters zu beantworten liegt doch gar keine Veranlassung für Dich vor, da er nur Danksagung für den Glückwunsch zum 15. Juli ist. Auch sonst halte ich für sehr einfach, daß Du ihm nicht weiter schreibst. Zu vermitteln oder wiederherzustellen ist da nichts; denn es würde sich bei jedem Vorgang (wie es jetzt ist) immer wieder die mißtrauische Frage einstellen: ist das auch wahr? Hier liegt etwas in Trümmern, das nicht einmal, sondern wieder und wieder zerbrochen ist. Ich zweifle, daß mein Vater davon irgend etwas empfindet: er ist nur ängstlich besorgt, nicht durch irgend eine Aufregung gestört zu werden. Für mich ist dies Schicksal natürlich unüberwindlich, wie der Tod meiner Mutter. Nur daß meine Mutter geistig für mich weiterlebt. Der Vater aber, den ich zu haben glaubte, ist auch geistig für mich gestorben. Was übrigbleibt, ist sentimentale Kindheitserinnerung. Und wer käme davon los?
Herr Preßler ist uns, auch meiner Mutter, ein guter Freund gewesen, obwohl der Verkehr oft lange Unterbrechungen hatte. Ich habe auch erst
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| daran gedacht, die 42 M der Kriegsnotspende zu geben und ihm davon Mitteilung zu machen. Aber die Sache liegt doch so: im vorigen Jahr gab ich von meinen damals guten Einkünften 300 M an diese Stelle. Als ich dann plötzlich noch 1000 M Schulden zu decken hatte, belastet das mein Conto ganz erheblich. Ich gebe doch ohnehin jetzt mehr aus, als ich einnehme. Die Kriegsnotspende bekommt monatlich 20 M, für andre Zwecke habe ich wohl über 1000 M gegeben. Deshalb dachte ich die 42 M mal zunächst zu behalten. Sie reichen noch nicht für 5 Tage Kosten des Berliner Haushalts. Und der Satz von 6 % ist tatsächlich ein Wuchersatz, wo er selbst nur 1 1/2 % verliert. Ich möchte darüber noch einmal Deine Ansicht hören.
Mit Susanne ist Klarheit geschaffen. Der Brief, den ich ihr geschrieben habe, war nicht leicht, meine ganze schriftstellerische Produktivität verbrauche ich im Briefwechsel. Aber er hat ihr Klarheit gegeben, daß die Zukunft, die sie sich ausmalte, für sie wie für mich innerlich unmöglich ist. Die Antwort, die ich erhalten habe, bewies durch Form und Gesinnung, daß ich meine Freundschaft nicht an unwürdiger Stelle angeboten habe. Hoffentlich behält sie nun die Kraft, um die neu gewonnene Stellung auch durchzuführen. Denn wie schwer das ist, fühle ich ihr nach.
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Gestern war hier die Einweihung der neuen, sehr schönen Taubstummenanstalt in Gegenwart des Königs. Ich habe dabei, wenn auch nur flüchtig, einen bedeutenden Eindruck mitgenommen, u. diesmal auch von der experimentellen Arbeit. Denke Dir, man hat Apparate erfunden, um Töne sichtbar zu machen (durch zuckende Flammen). Daran kann der Stumme, wie wir durchs Gehör, kontrollieren, ob er den Laute richtig hervorbringt. Brahn begrüßte mich so freundlich, daß ich zu Jungmann sagte: "Der tut's auch unter 30 Silberlinge." Auch der Stadtrat Ackermann tat, als ob er kein trauriger Kunde wäre. - Nachmittags kam der Registrator durch Halle auf der Reise in ein Wilmersdorfer Privatlazarett. Aber seine Depesche kam erst 3 Stunden später in L. an. Freitag wird wohl Oesterreich [unter der Zeile] (morgen früh 7.38.) auf ein paar Stunden kommen.
Die Katalogisierung auf dem Seminar wird mir unerwünscht viel Zeit kosten. Denn ich muß jeden Zettel einzeln kontrollieren u. habe am Sonntag für 160 Zettel 2 Stunden gebraucht.
Jetzt hole ich Frl. Haas zu einem Spaziergang ab. Daher eine Pause.

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9.9.15 Wo ist Kurt jetzt? Ist Nachricht da, daß er angekommen ist? Morgner hat von unsern Sendungen beinahe nichts bekommen. Er ist jetzt von jenseits des <Wort unleserlich> mehr nach Norden über Kowno hinaus dirigiert.
Friedmann hat nach Wien eine Karte mit bekanntem Vordruck (es geht mir gut) geschickt, und als Absender angegeben: "Infanterist Schlimmer Alsinstein". Stein ist ein berüchtigtes Zuchthaus an der Donau.
Heute kam ein wundervoll stilisiertes u. vom Minister unterzeichnetes schmeichelhaftes Reskript, daß weder die Kgl. noch die städt. Anstalten für mich Verwendung haben. Nur die Direktoren der Realschulen haben sich ev. Aufforderung vorbehalten. (Die wußten nicht, was Sie machen sollten: ich habe ihre Schüler meist in den Probelektionen u. bin dadurch so eine Art halboffizieller Kontrollinstanz für ihre Leistungen.) Kurz: ich bin frei.
Nebenher beschäftige ich [über der Zeile] mich mit den Themen: 25 Jahre deutscher Erziehungspolitik." Ich denke daran, auf Grund dieser Arbeiten statt Pestalozzi lieber Pädagogik der Gegenwart zu lesen, da ich nun allmählich die meisten Gebiete näher kenne.
Es ist unfreundlich und kühl. Mein Befinden ist besser, vielleicht, weil ich mich wieder akklimatisiert habe, vielleicht auch, weil ich wieder Salz fresse. Nachträglich ist leicht zu sagen, daß die Erholung (ohne Grund) zu kurz war. Ich habe immer eine maßlose Unternehmunglust. Aber die Züge passen auch hier zu nichts, und ich halte das Geld zusammen.
Politisch ist alles noch ungelöst. Wir haben zum dritten Male irrig geglaubt, mit Rußland fertig zu sein. Schrecklich besonders für die im Westen. Wenn ich mir das Leben der geistig Regeren seit 1 Jahr ausmale - das heißt opfern!
Für heute weiß ich nichts als herzlichste Grüße und treue Wünsche. Ich bitte mich auch " meiner besonderen Freundin "zu empfehlen. Und sie soll die Tante in Ruhe lassen. Anbei einige Korrespondenzen.
Wie stets Dein
Eduard.