Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 19. September 1915 (Leipzig, Grassistr. 14)


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Professor Spranger
Leipzig, Grassistr. 14.
19.9.15.
Liebe Freundin!
Das war noch kein ordentlicher Dank für die schöne Sendung und die viele Mühe, die Du Dir damit gemacht hast. Ich wollte alle Tage schreiben. Aber es ist mit mir so merkwürdig: heute strömen mir die Gedanken und Pläne über, daß ich an drei Stellen zugleich anfangen möchte, und morgen bin ich schon physisch so matt, daß ich das Leichteste nehme, was gerade zu erledigen ist. Die Folge ist, daß ich an keiner Stelle vorwärts komme. Von den Vorarbeiten zu Kulturphilosophie liegen ca 10 Folioseiten da, viel Gutes, z. T. sehr Schweres. Es gibt eine Basis, aber - es interessiert mich jetzt nicht mehr. Ich habe täglich weniger daran geschrieben. Eine Arbeit, die erst in Jahren fertig wird, kann ich jetzt nicht vornehmen. Auch kann ich wirklich in dieser Einsamkeit, ohne Gedankenaustausch mit einem Verstehenden nicht vorwärtskommen. Der Aufsatz für Muthesius, die Fort
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|setzung der "Deutschen Schule", die Katalogisierung im Seminar, die Frauenhochschule u. der Frauenkongreß vom 26. - 29. kommen mir rein psychologisch so dazwischen, daß ich mich auf so weitaus schonende Dinge nicht sammeln kann. Gar nicht zu reden von den Zeitereignissen, die am meisten Anteilnahme absorbieren.
Mein "pessimistischer Brief" enthielt zweierlei. Zunächst die Frage: Mußte Deutschland verhindern, daß Konstantinopel russisch wird, oder hätte es nicht gerade dadurch den Druck von seiner Ostgrenze nach Süden abgelenkt? Ist Oesterreich erhaltungsfähig u. erhaltungs wert? Ich weiß wohl, daß wir im mohamm. Orient kapitalistisch interessiert sind. Aber das ist wider den Strich gekämmt u. hat einen großen Teil der Schuld an dieser ungeheuren politischen Verwicklung. Und Rußland wächst doch und kehrt eines Tages kräftiger wieder. Ich glaube fest, daß wir in diesem Kriege siegen (vorausgesetzt, daß er in wenigen Monaten zur Entscheidung kommt.) Aber liegt dieser Sieg in der Linie der gegebenen politischen Kraftverteilung? Zeigt sich in
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| Polen nicht schon jetzt der Rechenfehler? U. ·/. w. das waren so meine Erwägungen.
Ferner stand in dem Brief, daß die "Frau v. Meer" auf mich rein als Konstruktion gewirkt hat. Der "fremde Mann" ist nicht aufführbar, auch wenn er tiefer gefaßt wird, als es geschah.
Woher "man" das Vertrauen nimmt, daß ich durch das Leben führen könne, ist mir nicht klar, wenn ich meinen Zustand betrachte. Ich fühle mich vom Leben mehr als je abgeschnitten, ein Versiegen der Produktivität, u. der Phantasie. Auch lebe ich nicht in Verhältnissen, die das anregen könnten. Ich habe wohl gewußt, daß die Entfernung von der "Schule" für mich ein Verlust war, der nicht wieder ersetzt ist. Ist mir doch seitdem kein einziger junger Mensch (ich meine noch vor der Grenze der Kindheit) begegnet, auf den ich hätte wirken können. Deshalb gelingt mir jetzt auch nicht der kleinste Aufsatz mehr, weil mir der Schwung fehlt, der aus einem eigentlichen täglichen Lebensglück kommt. Denke Dir die Eintönigkeit dieser Tage: keine Landschaft, kein Mensch, immer nur hin- u. herpendeln zwischen Schreibtisch u. Seminar.
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Neues erfaßt mich noch sehr stark. So die Beschäftigung mit der großen neuen Jugendpflegebewegung. Aber auch das ist ja sinnlos. Ich stehe außer dem Zaun. Vom Zusehen wächst so etwas nicht.
Die Vorträge von Pfui Deibelchen zu hören möchte ich Dir ohne nähere Begründung abraten. Hingegen möchte ich Dich bitten, dich mit den neuen Handfertigkeitsbestrebungen etwas näher zu beschäftigen im Anschluß an den Kinderhort. Du bist dafür ganz eigentlich prädestiniert, u. ich möchte da Deinen Rat u. Deine Anregung haben.
Am Sonnabend fahre ich nach Kösen, um mit Muthesius u. Bär meine Idee einer "Deutschen Päd. Gesellschaft" zu beraten, in die etwa 12 führende Geister sich sammeln sollen. Dann kommt der Kongreß. G. Bäumer hat mir eine neue Ausfertigung ihrer Pläne versprochen; es kommt aber nichts.
Oesterreich u. ich haben Deiner lebhaft gedacht. Die Karte blieb bei der Kürze der Zeit leider doch ungeschrieben. Er ist jetzt in Berlin. Der Registrator auch.
Wo ist denn nun Kurt?
Ich schließe für heut, weil ich heute besonders brummschädlich bin. Nach Klösterli gehe ich vom 2.- 9. Okt. aa. Mutter Riehl geht es wie es ihr gehen kann u. wie es allen geht, die innerlich leiden u. körperlich gesund werden sollen.
Ich hoffe, Gutes von Deinem Tun u. Leben zu hören u. grüße Euch alle herzlichst Dein Eduard.