Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. September 1915


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22.9.15.
Mein liebes Kind!
Nur mit wenigen Worten will ich Dich grüßen, nahe bin ich Dir immer.
Wir haben so vieles zusammen getragen, daß der Weg, wie auch das äußere Los falle, uns im voraus feststeht: es muß ein Weg der Überwindung und der Kraft sein. Aber weil das für uns nicht Lehrsatz ist, sondern Daseinswille, so muß es immer wieder durch Blut und Schmerzen neu errungen werden. Und Du besonders öffnest Dich jedem Schicksal so nachhaltig tief; hast eine so innig und fein nachhallende Seele, daß der Augenblick, wo der Stoß trifft, für Dich noch lange nicht der schwerste ist. In diesen Kämpfen und Schmerzen möchte ich bei Dir sein; von außen läßt sich ja nichts geben. Aber wenn wir es zusammen tragen im Sinne unsrer gemeinsamen Gewißheit, so keimt aus dem unverwindbaren Schmerz doch auch ein neuer Glaube, der uns weiterhilft.
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Es war ein wehmütiger Kontrast: dieser sonnig-klare Herbsttag und unsere innere Welt. Aber als dann der Mond auf den Wellen der Seele ähnliche Lichter tanzen ließ, wie die Sonne im Auenteich, da dachte ich, daß Tag und Nacht beide ihre strahlende Helle haben, ihre Festigkeit und ihre Klarheit, und daß diese Gestirne uns gestern sagen wollten: "Seht, es gibt doch eine Beständigkeit."
Ich denke, in diesen Tagen teilzuerhalten an den näheren Nachrichten, die doch ohne Zweifel aus dem Felde kommen.
Zu Hause fand ich eine Stoß Post mit vielem, was Eile hat. Als ob man nicht einen Tag fort sein dürfte! Ich lege Dir den Missionsbrief einer Studentin bei, mit meiner Antwort. Er wird Dich interessieren.
Es gereicht mir zur besonderen Genugtuung, Dir in der Anlage das Dankschreiben überreichen zu können, mit dem Se. Exzellenz der Herr Staatsminister unsre gemeinsame Arbeit huldvoll entgegenzunehmen und nicht zu kopieren geruht hat.
Für heut muß ich schließen. Aber meine Gedanken sind bei Euch dreien, und ich möchte Euch ein wenig helfen können.
Herzlichst Dein
Eduard.

Schreib mir doch die Berliner Adresse von Mutter.