Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. September 1915


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30.9.15.
Mein Liebstes!
Aus der Hetzerei, in der ich fast ständig lebe, ein Wort zu finden, das mein Leben mit Dir wirklich ausdrückt, ist fast ein Unmöglichkeit. Aber auch bei tieferer Ruhe würde ja die Sprache versagen gegenüber dem, was unsre Seelen bewegt, und was wir stumm tragen, solange die Kraft zum Tragen reicht. Wenn es ein Mittel gäbe, Dich diesem stillen Schmerz ein wenig zu entziehen - ich glaube, es wäre für Deine zarte Gesundheit wichtig. Versprich mir, nicht zu absichtlich in diese Abgründe hineinzutauchen. Ich empfinde ja ganz, daß die Bilder von Kurt Dich einerseits beglücken; aber es ist noch zu früh und noch alles zu frisch, als daß es nicht zerreißend sein müßte. Laß diese Bilder, mein Kind, eine Weile ruhen. Der teure Tote wird Dich nicht der Untreue anklagen. Du bist ihm treu, wenn Du im Leben und Hoffen den Sinn seines Sterbens weiter
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|trägst. Wir alle müssen es. [Wenn ich an den Westen denke, kommt es mir freilich so vor, als ob Leben überhaupt ein widerlicher Egoismus wäre. Die Zeit, wo der Krieg seinen herrischen Sinn hatte, ist vorüber. Die Pflicht ist jetzt, ein Ende zu finden. Davon bin ich tief durchdrungen. Wir dürfen das Ziel nicht zu fern stecken, wenn wir nicht die ganze Zukunft des Volkes gefährden wollen.]
Meine Reise, muß ich Dir gestehen, wird mir schwer. Aus so vielen Gründen, daß das Menschliche, worauf ich mich dabei tief freue, fast verdunkelt wird. Ich kann eigentlich nur arbeitend jetzt existieren, aber ich kann auch wieder nicht arbeiten. Für Muthesius ist knapp ½ fertig geworden, das ich abgeschickt habe, um es los zu sein. Die Katalogisierung in der Bibliothek ist nicht fertig. Dazu kommt, daß der Kriegshauptmann uns vielleicht für Montag oder einen der nächsten Tage vorladet. Dann kann ich gleich wieder nach Leipzig u. zurück fahren. Die Hochschule hat mich wieder durch ihre verfahrene Lage viel
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| beschäftigt. Auf dem Kongreß, den ich täglich besucht habe, fiel ein im B.s u. meinen Sinne recht schiefes Licht auf sie. Aber nun ein Zukunftsschimmer: denke Dir: G. B. ist selbst zur Hälfte bereit, die Leitung zu übernehmen. Das wäre doch ein Erfolg! Ich habe nun, um dies zu fördern, heute den schweren Gang zu Hinrichsen gemacht. Ich kann nicht sagen, daß der Jude mich ganz vornehm behandelt hat, u. Biermann hat hinterher immer die Kritik für mich bei der Hand. Dabei muß ich doch alles machen. Als die Diskussion auf die Hochschule kam, war Spranger, der Ausgestoßene, der einzige, der auf das Podium ging und für die Idee: "Hochschule als Sammelstelle für die Bestrebungen der Frauenbewegung" eintrat. Wenn Gertrud Bäumer käme, dann wäre all dieser Ärger, der an meiner Gesundheit zehrt, doch etwas nütze.
Das alles aber ist nur Vorrede zur Hauptsache, auf die ich hin will: Gleich nach Klösterli kann ich leider nicht nach C. kommen, so sehr mein Herz es wünscht. Aber am 12. ist Examen u. am 11. beginnen schon meine Kurse mit den exmatrik. Damen. Entweder müßtest Du dann
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| also nach L. kommen, oder ich müßte sehen, in der folgenden Woche mich noch 3 Tage frei zu machen. Schreibe mir Deine Ansicht.
An Lili Scheibe habe ich schnell geschrieben. Die Aussicht, jetzt für Kunstgeschichte Propaganda zu machen, ist gleich Null. Ihre ideellen Erwägungen müssen gegenüber der Zeitforderung schweigen. "Daß der Staat auch der Frau ein Leben werde, an dem sie teilhat, das, meine ich, wäre Sin Lehre dieses Krieges." Ganz so sprach gestern G. B. in ihrer glänzenden Rede vor 2000 Menschen.
Eine große Freude hatte ich durch den beiliegenden Brief. (Schick ihm doch, wenn Du kannst, eine Kleinigkeit. Und die andre durch Hermanns Dekorierung. Ich hoffe auf seine Adresse.
Ich muß jetzt gleich nach Friedmanns Wohnung, um den Schreibtisch abzuschließen. Sie ist gekündigt. Morgen muß ich mit dem Dekan, Volkelt u. a. zu Wundt (40. Ordinariatsjubiläum) fatale Situation. Dann ist noch tausenderlei zu tun, damit ich fahren kann. Ich habe so wenig Stimmung.
Aus Klösterli mehr. Grüße die Tante u. sei gewiß, daß mein Herz bei Euch ist. Sei stark und denke an unsren Glauben. Dein
Eduard.

[li. Rand] Auf Mahnung habe ich Frl. Mecke ins Druseltal geschrieben.