Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Oktober 1915 (Neubabelsberg)


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Neubabelsberg, den 5. Oktober 1915.
Meine liebe Freundin!
Dein Brief und seine schmerzlichen Beilagen haben mich heut früh in den märkischen Wald begleitet. Du weißt, wie meine Gedanken dauernd bei Dir und Deiner Trauer weilen. Was die Kameraden schreiben, ist für uns nur zu wenig. Man fühlt, wie sie alle noch in den unruhigsten Tagen stecken. Aber man fühlt auch, wie viel ihnen Kurt als Kamerad war. Er wird auch in ihnen fortleben, wie in unseren Herzen.
Die Aufnahme, die ich hier fand, war lieb und schön, wie erwartet. Riehl ist erst heut von Innsbruck gekommen; daher geht es etwas lebhafter zu als sonst. Im ganzen lebe ich hier ganz frei; man sieht sich und man geht seinen eignen Weg. Ich habe auch angefangen zu arbeiten, aber mit geringem Erfolg bisher. Mutter Riehl fand ich zwar nicht gerade gut, aber
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| besser als erwartet. Sie grüßt Dich vielmals und ist voll Teilnahme für Deinen Verlust.
Die Tage werden nur zu schnell vorübergehn, und ich sehe schon, daß vieles Geplante für Berlin nicht zustande kommen wird. Am Montag Nachm. 5 Uhr muß ich in L. sein. Dann kommen die Stunden mit den Damen, zunächst jeden Nachm; ein Doktorexamen sicher u. am Sonnabend eine Fakultätssitzung. Ich möchte Dir gern die Zeit meines Kommens näher bestimmen, aber ich habe über dienstliche Pflichten noch keinen sichern Überblick und weiß nur, daß ich am Sonntag frei sein werde. Im schlimmsten Fall so wie voriges Mal. Ich hoffe aber, wenigstens noch den Montag frei machen zu können, und wenn uns das Glück wohl will, noch den Dienstag. Mehr wird kaum möglich sein. Denn am 26. beginnt das eigentliche Semester. Aber schon vom 15. an darf ich eigentlich ohne Urlaub nicht fort. Halten wir also den 18. X. zunächst als sicheren
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| Punkt fest. Ich will aber nicht versäumen, darauf hinzuweisen, daß für "Verlagsanstalten" Leipzig der Hauptort ist und daß wir hier dann mehr Tage hätten. Doch wie Du willst.
Meinen Onkel fand ich etwas besser als das letzte Mal; meinen Vater, bei dem ich nur 2 Stunden ziemlich äußerlich verbrachte, gut. Erst Sonnabend um 7 war ich in Klösterli. Gestern war Landregen, heute besser. Mit tut schon die Ruhe der Mark wohl.
Ich hätte noch vieles zu schreiben, eben so viel, daß es für einen Brief nicht paßt. Also hoffe ich aufs Mündliche. Wie sind die Nachrichten von Hermann? Mich stört hier etwas der verspätete Nachrichtendienst. Sonst ist alles nach Wunsch. Viele herzliche Grüße an die Tante und vor allem Dir in jenem Sinne, den Du kennst.
In treuer Liebe
Dein
Eduard.